Der Solothurner Literaturpreis 2001 geht an die österreichische Schriftstellerin Anna Mitgutsch. Die 1948 in Linz geborene, heute in Linz und Boston lebende Autorin wird für ihr erzählerisches Gesamt-Werk ausgezeichnet. Der Preis ist mit 20 000 Franken dotiert.

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans Ulrich Probst (Vorsitz), Christine Eggenberg und Beat Mazenauer, weist in ihrer Begründung auf die behutsame Beharrlichkeit und die sprachliche wie kompositorische Souveränität hin, mit der Anna Mitgutsch in ihren bislang sechs Romanen die Grenzen zwischen privatem Wünschen und gesellschaftlichen Zwängen erkundet.

Ihr fulminantes Debüt hat die studierte Sprachwissenschaftlerin 1985 mit dem Roman „Die Züchtigung" gegeben. Herausgefordert durch eine Frage ihrer Tochter erinnert sich eine Frau an die eigene, von Prügel und Dressur geprägte, einsame Kindheit.

Mutter und Kind stehen ebenfalls im Zentrum von „Ausgrenzung" (1989). Mit aller Kraft versucht Marta, ihrem scheinbar autistischen Kind ein würdiges Leben zu ermöglichen, auch um den Preis gesellschaftlicher Stigmatisierung durch eine verständnislose Umwelt. Mitgutsch wirft wiederum einen präzisen, durch weibliche Erfahrungen geschärften Blick auf eine noch von der NS-Zeit geprägte Gesellschaft, wobei die Sprache als genauer Spiegel der herrschenden Verhältnisse erscheint.

Die Hauptfiguren in den Büchern von Anna Mitgutsch stehen immer am Schnittpunkt von Geschichte und Gegenwart. In ihnen stehen Gefühle der Zugehörigkeit und der Entfremdung in beständigem Widersteit. Eindrücklich beweist dies der jüngste, vielbeachtete Roman der Preisträgerin „Haus der Kindheit" (2000): Der vor dem Krieg nach New York emigrierte Jude Max Berman kehrt in die österreichische Heimat zurück, um das 1939 enteignete Domizil seiner Familie zurück zu fordern. Doch die Wiederbegegnung scheitert ebenso am engherzigen Ordnungssinn der Einheimischen, worin dasFremde hat keinen Platz hat, wie an der Unmöglichkeit, die vergangene Zeit zu überbrücken.

Mit grosser gestalterischer Geschmeidigkeit versteht es Anna Mitgutsch, verschiedene Erzählkreise kunstvoll ineinander zu verweben und hinter der Fassade von bürgerlicher Gemütlichkeit die Abgründe der Verdrängung und fortgesetzen Intoleranz - namentlich auch im Sprachgebrauch sichtbar zu machen. Die Preisverleihung an Anna Mitgutsch findet am 16. Juli in Solothurn in öffentlichem Rahmen statt.

10.Mai 2001/
Hans Ulrich Probst/Beat Mazenauer/Christine Eggenberg


Die Bücher von Anna Mitgutsch

  • Die Züchtigung, 1985, Claassen. (auch: dtv-Taschenbuch)
  • Das andere Gesicht, 1986, Claassen. (auch: dtv-Taschenbuch)
  • Ausgrenzung, 1989, Luchterhand. (auch: dtv-Taschenbuch)
  • In fremden Städten, 1992, Luchterhand. (auch: dtv-Taschenbuch)
  • Abschied von Jerusalem, 1995, Rowohlt Berlin. (auch: Rowohlt-Taschenbuch)
  • Erfinden und Erinnern. 1999, Droschl.
  • Haus der Kindheit. 2000, Luchterhand.
  • Familienfest- Luchterhand, München 2003
  • Zwei Leben und ein Tag. Luchterhand, München 2007
link Homepage von Anna Mitgutsch
  img/mitgutsch.jpg