Der Solothurner Literaturpreis 1997 geht an den österreichischen Romancier Christoph Ransmayr.

1997 Christoph Ransmayr - für ein Werk, das sich durch sprachliche Perfektion und erzählerische Präzision auszeichnet. In seiner Kunst des Erzählens verbinden sich apokalyptische Visionen mit wiedererweckter Mythologie. (Wortlaut Communiqué)

Christoph Ransmayr ist ein Reisender. Nicht nur sein momentaner Aufenthaltsort Dublin weist darauf hin. Bevor er mit seinen Romanen auf sich aufmerksam gemacht hat, verfasste er Reisereportagen für die Zeitschriften "Geo", "Merian" und "Transatlantik". Eine treffliche Auswahl davon findet sich in dem neuen Band "Der Weg nach Surabaya" versammelt. Es ist unwegbares Gelände, das der Reisende Ransmayr darin erkundet: die Ränder der Welt im geographischen wie im übertragenen Sinn. Doch auch sein Prosawerk kreist um das Reisen. Reisend, äusserte er einmal, erfahre er eine "Erleichterung", die er schreibend zu retten versuche. Nicht das Unterwegssein an sich bereichert ihn dabei, sondern das Bewusstsein der eigenen Veränderung, die Erfahrung, wenn man "sich als Fremder unter Fremden bewegt, als sprachloser Narr, der nichts hat als seine Augen und Ohren". (...)

Für seinen jüngsten, 1995 erschienenen Roman "Morbus Kitahara" hat sich Ransmayr danach sieben Jahre lang Zeit gelassen. Das Buch schildert eine Endzeitvision aus dem Herzen Europas. Als Vergeltung für einen Krieg deindustrialisieren die Sieger das eroberte Land und werfen die Besiegten in ein primitives agrarisches Leben zurück. Allein deshalb aber empfinden diese weder Schuld noch Reue.

Sieben Jahre: "Ich kann nicht anders", meinte Ransmayr dazu, als so zu formulieren, "dass jeder Satz hält und schon der erste die ganze Geschichte tragen kann". Vollendet ist das Buch erst, wenn alle Varianten und Assoziationen zur einen "notwendigen Form" zusammengefügt sind. Darin manifestiert sich eine Präzision und Umsichtigkeit, die Ransmayr als Reisenden ausweist, der sich behutsam mit dem Fremden einlässt. Es ist ein eigensinniges Unterwegssein, das ihm zur Quelle des Schreibens wird. Das Individuum muss den Schrecken erfassen, kein Programm hilft ihm dabei. "Beim Erzählen geht es genau darum - das Unwiederholbare, Unverwechselbare am Einzelfall darzustellen und ihn vielleicht gerade dadurch zum Beispiel zu machen."





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