Der Solothurner Literaturpreis wird in diesem Jahr an Erich Hackl verliehen. Der 1954 im österreichischen Steyr geborene und heute in Wien lebende Autor und Übersetzer wird für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Der Preis ist mit 20 000 Franken dotiert.

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans Ulrich Probst (Vorsitz), Christine Tresch und Beat Mazenauer, weist in ihrer Begründung auf die ausserordentliche Einbildungs- und Einfühlungskraft hin, mit der Hackl, stilistisch präzis, Partei nimmt für Menschen, die mutig auch in aussichtsloser Lage Widerstand leisten. In seinem erzählerischen Werk überschreitet er die Trennlinien zwischen literarisch und dokumentarisch, indem er wahre Geschichten auf ebenso kunstvolle wie zurückhaltende Weise nacherzählt.

Seine ersten sogleich Aufsehen erregenden zwei Erzählungen „Auroras Anlass" (1987) und „"Abschied von Sidonie" (1989) umschreiben im Kern sein literarisches Programm. In beiden greift Erich Hackl auf wirkliche Begebenheiten zurück. Die spanische Feministin Aurora Rodriguez tötet ihre Tochter, weil diese ihren rigiden Ansprüchen nicht zu genügen vermag. In seiner literarischen Recherche sucht Hackl Motive für diese Tat, indem er sorgfältig die subjektiven wie die historischen Umstände abwägt. Dieses Bestreben liegt auch der Geschichte des Zigeunermädchens Sidonie Adlerburg zu Grunde, das von einer Arbeiterfamilie im österreichischen Steyr adoptiert, während des dritten Reiches aber verraten und ermordet wird. Erich Hackl hat ihr in aller Lakonie ein berührendes Epitaph geschrieben.

Der Solothurner Literaturpreisträger 2002 hat Hispanistik und Germanistik studiert. Immer wieder zieht es ihn nach Lateinamerika, weshalb dieses mit Österreich und Spanien zusammen das Epizentrum seines Schreibens bildet. Sein Werk umfasst nebst den Erzählungen auch Radiofeatures, Essays, Reportagen und Übersetzungen, die von der leidenschaftlichen Verpflichtung des Autors diesem Kontinent gegenüber zeugen.

In Argentinien und Uruguay spielt auch die Geschichte von „Sara und Simón", die 1995 erschienen und eben erst wieder in die Schlagzeilen geraten ist. Sie erzählt von Sara Mendez, einer Anarchistin, der die Militärdiktatur den Sohn raubt und zur Adoption frei gibt. Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis macht sie sich auf die Suche nach Simón: eine quälende, schier endlose Reise durch die Mühlen der Bürokratie. Sara unternimmt sie, weil sie darin auch einen politischen Auftrag wider das Vergessen erkennt. Sieben Jahre nach Hackls Roman ist ihre Beharrlichkeit schliesslich belohnt worden. In diesem Frühjahr hat Sara ihren Sohn wieder gefunden.

Erich Hackl beschreibt auch dramatische und tragische Geschehen mit nüchterner Zurückhaltung und erreicht gerade so höchste Intensität. Mittels seiner Figuren verleiht er abstrakten Begriffen wie Solidarität und Widerstand ein Gesicht, ohne sie zu idealisieren. Hackl vergisst nie, dass auch Aurora, Sidonie oder Sara in Widersprüche verstrickt sind. Dies verleiht seinen Erzählungen ihre besondere Würde.

Für diesen Spätsommer ist ein neues Buch von Erich Hackl angekündigt mit dem Titel „Eine Hochzeit in Auschwitz. Eine Begebenheit".

22. Mai 2002
Hans Ulrich Probst /Christine Tresch /Beat Mazenauer


Die Bücher von Erich Hackl

  • Auroras Anlass. Erzählung. Diogenes, Zürich 1987.
  • Abschied von Sidonie. Erzählung. Diogenes, Zürich 1989.
  • König Wamba. Ein Märchen. Mit Zeichnungen von Paul Flora. Diogenes, Zürich 1991.
  • Sara und Simón. Eine endlose Geschichte. Diogenes, Zürich 1995.
  • In fester Umarmung. Geschichten und Berichte. Diogenes, Zürich 1996.
  • Eine Hochzeit in Auschwitz. Eine Begebenheit. Diogenes, Zürich 2002.
  • Als ob ein Engel. Erzählung nach dem Leben. Diogenes, Zürich, 2007.
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