Dankesrede von Erich Hackl

Sealsfield, dahinter ich

Meine Damen und Herren,

als österreichischer Schriftsteller, der sich in Solothurn einen Preis abholen darf, bin ich eigentlich gehalten, an einen Landsmann zu erinnern, der seine letzten Lebensjahre in dieser Stadt verbracht hat, hier auch gestorben ist, an meinem Geburtstag übrigens, nur neunzig Jahre früher. Im Jahr 1858 hatte er sich in der Bergstraße einen Gutshof gekauft und als Junggeselle bewohnt, in seinem Testament zeichnete er als „Charles Sealsfield, Bürger von Nord Amerika“, so steht es auch eingemeißelt auf dem Grabstein an der Kirchenmauer von St.Niklaus. Geboren wurde er 1793 in Poppitz bei Retz, als ältester Sohn eines Obst- und Weinbauern, sein wirklicher Name war Karl Anton Postl. Er war nach dem Theologiestudium in Prag zum Priester geweiht worden und in den Kreuzherrenorden eingetreten, für den er Besitzungen in Böhmen und Mähren inspizierte. Postl kam dadurch weit herum, erhielt Einsicht in die bestehenden Verhältnisse und das herrschende Unrecht, fand Zugang zu Kreisen, auf die die Polizei ein Auge geworfen hatte, und geriet in Konflikt mit den Ordensoberen. Von einem Kuraufenthalt in Karlsbad, im April 1823, kehrte er nicht mehr ins Kloster zurück. Die Polizei begann zu ermitteln, ein Steckbrief wurde erlassen, die Verwandten einvernommen. Aber auch sie wußten nicht, wo Postl geblieben war. Nach einem halben Jahr wurde die Suche nach ihm abgebrochen.

Postl aber lebte weiter, ganz real und legal in Louisiana, eben als „Charles Sealsfield, citizen of the United States, clergyman, native of Pennsylvania“, und betätigte sich unter dem Pseudonym Charles Sidon als Zeitungskorrespondent und Reiseschriftsteller. Der Kontrast zwischen zwei Welten - dem in Stillstand und Willkür erstickenden Mitteleuropa und dem dynamischen Republikanismus der Vereinigten Staaten von Amerika - prägte sein literarisches Schaffen, das die in der alten Heimat geltenden Gattungsgrenzen sprengt: Sealsfield interessierte sich nicht so sehr für individuelle Schicksale, sondern für das „gesellschaftliche Leben in allen seinen Nuancen“. Das Muster des deutschen Bildungsromans verwarf er, stattdessen wollte er „Tatsachen, lebende, ja geschichtliche Personen“ aus dem Geist des Fortschritts schildern. Das gelang ihm nicht immer, so haute er etwa ganz schön daneben, wenn er auf Mestizen, Schwarze, Juden und spanische Kreolen zu sprechen kam. Aber immerhin - Sealsfield ist zugute zu halten, daß er zu kennen trachtete, worüber er schrieb, Empörung und Mitleid nicht als primitive Regungen verschmähte, die eigene Herkunftskultur vor dem Hintergrund seiner Reisen durch Amerika schärfer sah und in der Kritik steinerner Verhältnisse die Möglichkeiten wahrnahm, die ihr innewohnten. Austria as it is, „Österreich, wie es ist“, heißt eins seiner bekanntesten Werke, in dem bei aller unversöhnlichen Kritik an Kaiser, Fürsten und Untertanen doch auch Funken der Hoffnung sprühen, auf ein Land, wie es sein könnte. Er sieht, daß „in Wien alles auf eine derbe Genußsucht in allen Schichten des Volkes“ zutreibt, „auf stummen Gehorsam bei den Beamten - auf Verdrossenheit oder Verschwendungssucht unter der Aristokratie - und auf den vollendetsten Despotismus der Regierung“, registriert aber auch „eiserne Tüchtigkeit“, „einen hohen Grad an Bildung“ und „stolzen, unabhängigen Geist“. Es stimmt also nicht, was Philologen hin und wieder behaupten: daß er der erste in einer Reihe österreichischer Übertreibungskünstler war, die Land und Leute ausschließlich mit negativen Eigenschaften ausstatten, auf daß es ihnen erlassen sei, außer an die eigene Melancholie an die Widerständigkeit anderer zu denken.

Daß Sealsfield sich gerade in der Schweiz niedergelassen hat, darf aufgrund seiner ausgeprägten sceptrophobia - der Abneigung gegen jede Form von Monarchie - nicht wundern. Immerhin war dieses Land damals das einzige in Europa, in dem die Krankheit erfolgreich bekämpft werden konnte. Mag sein, daß auch ein heutiger, nachgeborener Sealsfield sich hier niederlassen würde - er verdiente ja nicht schlecht mit seinen Romanen und Reiseerzählungen, womöglich hatte er die Kreuzherren mit einer vollen Reiseschatulle verlassen, sein Geld in den USA jedenfalls nutzbringend angelegt, und einem gut situierten Ausländer gegenüber verhalten sich sogar die Wohlstandswächter im allgemeinen recht kooperativ.

Warum ich in ihm einen sehe, der mir vorangegangen ist, habe ich schon angedeutet: da ist die Vorliebe (bei ihm die unabdingbare Notwendigkeit), das Herkunftsland aus der Entfernung von ein paar tausend Kilometern zu betrachten, denn aus der Nähe wirkt vieles trüb, und umgekehrt das andere, frei gewählte in der Außenansicht wahrzunehmen, Geschichten da wie dort zu verfolgen oder, besser noch, zwischen hier und dort gespannte Lebensfäden aufzuspüren, sie neu zu knüpfen, wenn sie gerissen sind, auch wenn nichts mehr zu retten ist. Außerdem imponiert mir, daß er irgendwann, Jahre vor seinem Tod, zu schreiben aufhörte. Weil es ihm zur Qual geworden war, weil er die Zeit nicht mehr als seine eigene begriff, weil er spät erkannte, daß er mit seiner Literatur keinen Tyrannen vom Thron gekippt hatte?

Der Anflug von Vergeblichkeit, den ich diesem austro-helvetischen Amerikaner unterstelle, ist mir nicht fremd. Er überkommt mich - als Grant, eleganter gesagt: in Form lähmender Selbstzweifel - nicht nur beim Anblick einer aus den Fugen geratenden Welt, der die Perspektive von Gerechtigkeit, Gleichheit, Gemeinschaftlichkeit anscheinend verlorengeht. Auch Ritterlichkeit - ein altmodischer Begriff, nur fällt mir kein besserer ein; Postl/Sealsfield hätte fairness gesagt - ist als gesellschaftliche Tugend ausgestorben. Die Umgangsformen sind ruppig, öffentliche Kenntnisnahme ist an ebensolche Erregung gekettet, die Literatur und ihr Umfeld bilden da keine Ausnahme. Wer gehört werden will, muß sich dessen Grobheiten zu eigen machen. Oder er hat, wie dieser Sealsfield, einen Batzen Geld und Ländereien irgendwo in den USA und kann es sich leisten, in Solothurn als Privatier seinen Lebensabend zu verbringen, zurückgezogen, vereinsamt, verstummt. Oder er sucht nach Spuren Gleichgesinnter, innerhalb und außerhalb der Literatur, in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Er geht, wie es so schön heißt, beharrlich seinen Weg. Glücklich wird er dabei trotzdem nicht. Der Schatten der Verlorenheit begleitet ihn. Umso mehr bedarf er der Anerkennung. Deshalb tut es gut, gelegentlich mit einem Preis ausgezeichnet zu werden. Für den ehrenvollen Zuspruch danke ich der Jury, für die finanzielle Zuwendung den Sponsoren.

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