Im Jahr 2000 geht der Solothurner Literaturpreis an Christoph Hein, den gegenwärtigen Präsidenten des vereinigten deutschen PEN. Der 1944 in Schlesien geborene, in Berlin lebende Schriftsteller wird für sein vielfältiges literarisches Schaffen ausgezeichnet, das Prosa, Theaterstücke und Essays umfasst. Der Preis ist mit 20 000 Franken dotiert.

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans-Ulrich Probst (Vorsitz), Christine Eggenberg und Beat Mazenauer, würdigt die unnachahmliche Präzision und spröde Sinnlichkeit, die sein Werk auszeichnet. Christoph Hein ist ein herausragender Chronist unserer Zeit, der von Geschichte am Beispiel individueller Geschichten handelt. In der Novelle "Drachenblut" (1982), den Romanen "Horns Ende" (1985) und "Der Tangospieler" (1989) sowie im Band "Exekution eines Kalbes" (1994) schildert er Menschen, die in Konflikt mit Staat und Gesellschaft geraten und daran zugrunde gehen. Sein sachlich-verhaltener Stil verbirgt indes nicht die Passion, mit der Hein am Schicksal seiner Figuren Anteil nimmt. Dies gilt erst recht für das Buch "Von allem Anfang an" (1997), in der er mit poetischer Einfühlung die eigene Jugend anklingen lässt.

Unbestechlich analysiert Christoph Hein auch in seinen brillanten Essays die gesellschaftlichen Widersprüche und hebt "deren Defizite ins Bewusstsein". Indem er in seinen Theaterstücken, etwa "Die Ritter von der Tafelrunde", auf historische Stoffe zurückgreift, reflektiert er die Konflikte der Gegenwart und hält er den Verlust der gesellschaftlichen Utopie fest.

Demnächst wird sein neuer Roman "Willenbrock" über die Brüchigkeit der Verhältnisse im vereinigten Deutschland im Suhrkamp Verlag erscheinen.

Christoph Hein ist am 8. April 1944 im schlesischen Heinzendorf (dem heutigen Jasienica / Polen) geboren und lebt heute in Berlin. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers blieb ihm der Besuch des Gymnasiums verwehrt, weshalb er ab 1958 ein Gymnasium in Westberlin besuchte. 1960 kehrte er in die DDR zurück und arbeitete nach dem Abitur in den verschiedensten Berufen. 1967-71 studierte er Philosophie und Logik, danach arbeitete er als Dramaturg und Autor an der Berliner Volksbühne. Seit 1979 ist Hein freiberuflicher Schriftsteller.

Seine Theaterpremiere erlebte er 1974 mit der Uraufführung seines Stücks "Schlötel oder Was solls". 1980 erschien von ihm als erstes Buch der Prosaband "Einladung zum Lever Bourgeois" (auch "Nachtfahrt und früher Morgen"), ein Jahr später gefolgt von einem Band mit vier Theaterstücken. 1982 wurde Hein der angesehene Heinrich-Mann-Preis zugesprochen, doch konnte diese Ehrung in der Folgezeit nicht darüber hinwegtäuschen, dass Heins Stücke und Prosa in der DDR auf wenig Resonanz stiessen und vor allem die Zensur beschäftigten.

Bereits die ersten Prosatexte demonstrieren, mit welch nüchterner, präziser Sachlichkeit Hein von Individuen erzählt, die innerhalb des Spannungsfelds von persönlichen Ansprüchen und gesellschaftlichen Forderungen mit ihrem Leben scheitern. "Drachenblut" (1982), "Horns Ende" (1985) und "Der Tangospieler" (1989) sowie der Erzählband "Exekution eines Kalbes" (1994) bezeugen auf vollendete Weise diese formale Strenge. Zentrales Thema vor allem im dramatischen Werk ist die Geschichte. Hein analysiert die Vergangenheit, um die "Kämpfe von heute" zu verstehen. Dies hat seinen Stücken, allen voran "Die Ritter der Tafelrunde" (1989), eine verblüffende Aktualität verliehen.

Der verwehrte Besuch des Gymnasiums (beschrieben im Buch "Von allem Anfang an", 1997) sowie die Querelen mit der Zensur haben Hein eine distanzierte Haltung gegenüber der Politik gelehrt, wovon seine analytisch brillanten Essays zeugen. Der Respekt ihm und seinem Werk gegenüber hat auch nach der Wende nie nachgelassen. Seit 1998 ist er Präsident des vereinigten deutschen PEN-Zentrums. Mit grosser Spannung wird für diesen Sommer sein jüngster Roman "Willenbrock" erwartet.

Die Bücher von Christoph Hein

  • "Einladung zum Lever Bourgeois. Prosa", Aufbau Verlag 1980. Unter dem Titel "Nachtfahrt und früher Morgen. Erzählungen" Luchterhand Verlag 1989.
  • "Der fremde Freund. Novelle", Aufbau Verlag 1982. Unter dem Titel "Drachenblut. Novelle", Luchterhand Verlag 1983.
  • "Die wahre Geschichte des Ah Q. Stücke und Essays", Luchterhand Verlag 1984.
  • "Das Wildpferd unterm Kachelofen. Ein schönes dickes Buch von Jakob Borg und seinen Freunden" (Kinderbuch, 1984), Neuausgabe, Alterberliner Verlag 1994.
  • "Horns Ende. Roman", Aufbau Verlag / Luchterhand Verlag 1985.
  • "Schlötel oder Was solls. Stücke und Essays", Luchterhand Verlag 1986.
  • "Der Tangospieler. Roman", AufbauVerlag / Luchterhand Verlag 1989.
  • "Die Ritter der Tafelrunde", Luchterhand Verlag 1989 (vergriffen).
  • "Die fünfte Grundrechenart. Aufsätze und Rden 1987-1990", Luchterhand Verlag 1990.
  • "Das Napoleon-Spiel", Aufbau Verlag 1993.
  • "Exekution eines Kalbes und andere Erzählungen", Aufbau Verlag 1994.
  • "Randow. Komödie", Aufbau Verlag 1994.
  • "Die Mauern von Jericho. Essais und Reden", Aufbau Verlag 1996.
  • "Von allem Anfang an", Aufbau Verlag 1997.
  • "Stücke. Bruch. In Acht und Bann, Zaungäste, Himmel auf Erden", Aufbau Verlag 1999.
  • "Willenbrock. Roman", Suhrkamp Verlag 2000.
  • "Mama ist gegangen", mit Vignetten von Rotraut Susanne Berner, Beltz und Gelberg Verlag, Weinheim 2003 (Roman für Kinder)
  • "Landnahme". Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004,
  • "In seiner frühen Kindheit ein Garten". Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005,
  • "Frau Paula Trousseau". Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.

Die meisten Titel sind auch als Taschenbuchausgabe erhältlich.
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