Es existiert in der Schweiz eine Vergangenheit, die wir als «siner Zyt»
(oder wahlweise auch «zu miner Zyt») bezeichnen. Es ist jene Zeit, in der es noch keine
Computer gab, kein Internet, keine Handies; jene Zeit, in der die Wohnungen noch
hundertfünfzig Franken kosteten und in der der Stundenlohn noch sieben Franken betrug.
Geschichten, die siner Zyt spielen, sind meist langfädig und interessieren niemanden so
richtig.
Mit Entsetzen habe ich festgestellt, dass sich bei mir im Zusammenhang mit der heutigen
Preisverleihung ein ganzes Fuder solcher Zeit angesammelt hat.
Solothurn hat nämlich siner Zyt eine zentrale Rolle gespielt in meinem Leben: Hier las
ich im Frühling 1981 an den Literaturtagen zum allerersten Mal öffentlich vor, und zwar
aus dem unfertigen Romanmanuskript «Max». Damals war es erwünscht, dass die
eingeladenen Autoren Unveröffentlichtes präsentierten, und es gab im Programm eine oder
zwei freie Positionen für Debütanten wie mich, die literarisch vorher noch nie in
Erscheinung getreten waren.
Im Publikum sassen mindestens zwei Lektoren. Der eine war Hansjörg Graf, der in einem
grossen Münchner Sachbuchverlag eine junge Reihe mit deutschsprachiger
Gegenwartsliteratur betreute. Der andere war Egon Ammann, der gerade dabei war, seinen
Verlag zu gründen. Beide kamen nach der Lesung zu mir und sagten, wenn ich Lust hätte,
soll ich ihnen mein Manuskript zum Lesen schicken.
Das fand ich normal. Damals hatte ich keine Ahnung vom Literaturbetrieb, meinte dafür
umso mehr, mich selbst zu kennen und mein Manuskript. Beides hielt ich für höchst
fragwürdig. Das hatte mit meiner Grossmutter zu tun, die streng protestantisch war und
sich aus pädagogischen Gründen weigerte, Kinder zu loben, weil die sonst womöglich
stolz, hochmütig oder gar hoffärtig hätten werden können, was aus der Sicht der
Grossmutter sündhaft war. So wuchs ich mehr oder weniger loblos auf und hatte von allem,
was ich hervorbrachte, stets das Gefühl, es sei noch nicht so ganz das Wahre. Denn je
mehr ich mich anstrengte, meine Sache gut zu machen, desto sturer verwahrte sich die
Grossmutter dagegen, mich zu loben. Irgendwann gab ich erschöpft auf und übernahm ihre
biblische Überzeugung, wonach alles, was der Mensch schafft, nur Tand ist, und ich hielt,
was immer ich tat, für nicht der Rede wert.
Also schrieb ich Egon Ammann, leider könne ich ihm mein Manuskript nicht schicken, da es
unvollkommen sei. Ich wolle nicht verantworten müssen, dass sein Verlag, kaum habe er ihn
gegründet, meinetwegen auch schon wieder bankrott mache. «Max» habe zu viele
Schwächen; so einen literarischen Wackelkandidaten könne sich nur ein grosser, reicher,
deutscher Verleger leisten, einer, der Erstlinge quasi aus der Portokasse bezahle. Das
Buch kam dann bei Hansjörg Graf im Münchner List-Verlag heraus.
Ein paar Jahre später wurde der mitsamt seiner Reihe wegrationalisiert, und ich musste
einen neuen Verlag suchen. Kaum hatte ich einen gefunden, wurde auch der umstrukturiert
oder gab seinen Geist auf, und ich stand mit meinem jeweils nächsten Manuskript wieder
auf der Strasse. Der einzige, der bis heute durchgehalten hat, ist der Ammann-Verlag, bei
dem ich endlich glücklich gelandet bin.
Sie sehen, alles fing in Solothurn an. Wenn ich noch die einzelnen Namen der Zuhörer
aufzählen würde, die siner Zyt in jener ersten Lesung sassen und von denen sehr viele zu
meiner grossen Freude heute wieder hier sind, dann würden Sie mehr oder weniger
sämtliche Koordinaten beieinander haben, die den Weg von Max zu Moritz beschreiben.
Vielen herzlichen Dank für diesen Preis, mit dem mich Solothurn nun, nach 25 Jahren, in
die literarische Erwachsenenwelt entlässt.
«Maurice mit Huhn» ist ein Buch, von dem jeder amerikanische Unterhaltungsfachmann,
der die freie Marktwirtschaft und ihre Mechanismen kennt, jederzeit hieb- und stichfest
nachweisen könnte, dass es keine Chance hat auf dem Markt: ein Buch, das man nicht in
drei griffigen Sätzen nacherzählen kann, ein Buch ohne starken Plot, ohne brisantes
Thema, ohne Thesen, ein Buch aus lauter Nichts.
Um so grösser war die Überraschung, dass gerade dieses Buch die ersten Monate auf dem
Markt überlebt hat, was mit Sicherheit Kritikern und Juroren wie den hiesigen zu
verdanken ist. Vielleicht findet es dank des Solothurner Preises sogar ein paar
zusätzliche Käufer und überlebt ein paar weitere Monate, vielleicht sogar Jahre. Das
wäre schön. Ob es wirklich ein gutes Buch ist, kann ich nicht sagen; dazu steckt mir
meine Grossmutter zu tief in den Knochen. Dass es in unserer Zeit, in der alles an seiner
Effektivität und Brauchbarkeit gemessen wird, dringend solch unbrauchbare Bücher
braucht, das hingegen kann ich aus tiefster politischer Überzeugung vertreten. Das Wort
«politisch» betone ich, weil man - insbesondere in Deutschland - Autoren gern politisch
hätte. Auch wenn das niemand von ihm vermutet: «Maurice mit Huhn» ist ein politisches
Buch.
Der Titelheld ist ein Mann meines Alters, wie es sie seit Jahrtausenden gibt. Manchmal,
wenn die Sonne scheint, geht er über einen Platz, wie man sie seit Jahrtausenden kennt.
Dann setzt er sich vor ein Café, eines dieser jahrtausendealten, auf einen Stuhl und
bestellt ein Getränk. Die jahrtausendealten Spatzen kommen angeflogen und hüpfen
tschilpend vor seinen Füssen hin und her. Auf einem Strassenbaum sitzt ein
jahrtausendealter, grauschwarzer Rabe. Er fliegt los, lässt etwas fallen. Eine
jahrtausendealte Eichel wohl. Er folgt ihr im Gleitflug, landet auf dem Asphalt, hüpft
auf das kleine, runde Ding zu, hält es mit einer Kralle fest, hackt mit dem grossen
Schnabel darauf ein, schaut es an, hackt, schaut. Eine Gruppe junger Frauen nähert sich.
Der Rabe packt das Ding mit der Kralle und schwingt sich in die Luft. Der Wind weht kühl
von der Seite. Maurice’ Lenden fühlen sich kalt an. Er schaut den jahrtausendealten
jungen Frauen nach. Sie gehen geschäftig. Eine spricht in ein tragbares Telefon und
streicht sich dabei eine Strähne aus dem Gesicht. Eine andere schmeisst ihre Haare mit
einem Schlenker nach hinten. Und so geht es weiter, wie man es seit Jahrtausenden
kennt.
Das ist zugegebenermassen nicht besonders spannend. Ich als Person wäre jedenfalls
gern sehr viel spannender, würde gern leuchten, faszinieren, blenden. Doch als
Schriftsteller meine ich die Aufgabe zu haben, meine Gefallsucht zu zähmen und mich in
den Dienst der leeren Ausgänge und der nicht eintretenden Ereignisse zu stellen, die
meinen Alltag ausmachen, und ihnen ihren Schrecken zu nehmen dadurch, dass ich sie
beschreibe und benenne. Das ist wohl ein ewiger Widerspruch: im Leben möchte man
gefallen, in der Kunst möchte man nicht gefallen wollen.
Siner Zyt lebte meine Gotte (meine Patentante) noch, eine alleinstehende Frau, die in
Bern im sozialen Dienst arbeitete. Zu Geburtstagen und zu Weihnachten bekam ich von ihr
illustrierte, lehrreiche Bücher, Socken oder Pullover geschenkt. Wahrscheinlich wollte
sie, wie meine Grossmutter, einen guten Menschen aus mir machen, sparsam und bescheiden.
Der Effekt war gegenteilig: Ich sehne mich bis heute nach Luxus und Überfluss. Nur ungern
denke ich an ihre Geschenke zurück. In finsteren Stunden, nach besonders missglückten
Bescherungen, verdächtigte ich sie sogar des Geizes.
Bis zum zwanzigsten Geburtstag. Da stellte sich heraus, dass sie über all die Jahre
hinweg ein Sparbüchlein für mich geführt hatte. Das schenkte sie mir nun, in der
Überzeugung, ich sei jetzt alt genug, um vernünftig mit Geld umgehen zu können.
Ich war begeistert, kaufte mir für das Geld ein altes, klappriges Auto und fuhr damit
nach Italien ans Meer. Dort krachte ich in einen Olivenbaum. Das Auto war kaputt und
musste verschrottet werden. Ich kehrte im Zug zurück.
Dass mir ihr Geld so sinnlos zwischen den Fingern zerronnen war, konnte sie nicht
verkraften. Sie hatte sich vorgestellt, ich würde mir etwas Bleibendes gönnen, eine
Bildungsreise, ein Instrument, einen Sprachkurs, was weiss ich - sie verriet es mir nie;
ich wusste bloss, dass ich in ihren Augen versagt hatte.
Heute bekomme ich Geld von Ihnen und fürchte, dass auch Sie insgeheim wünschen, ich
möge etwas Sinnvolles damit anstellen. Leider muss ich auch Sie enttäuschen: es wird mir
zwischen den Fingern zerrinnen wie das meiner Gotte. Zwar kaufe ich mir heute keine Autos
mehr, aber da ich mit dem, was ich herstelle, nicht genug verdiene zum Leben, entstehen in
den mageren Jahren permanent Löcher, die in den fetten gestopft werden wollen. Den
grössten Teil der Preissumme wird voraussichtlich ganz einfach mein Vermieter einstecken.
Das ist unfeierlich und ärgerlich. Ich hoffe, Sie können darüber hinwegsehen.
Um Ihnen einen Eindruck zu vermitteln vom Buch, das den Ausschlag gab für den heutigen
Preis, lese ich eine Stelle daraus vor:
Als Maurice vor die Tür tritt, beginnt es zu regnen. (...) Er kehrt um und holt
seinen Schirm. Kaum öffnet er die Tür zum zweiten Mal, werden die Schleusen erst richtig
aufgerissen, und das Wasser strömt herab wie aus Wannen. Er bleibt unter der Tür stehen
und überlegt. Der auf den Boden prasselnde Regen zerplatzt und bildet Gischt, die in
Schwaden an seine Hosenbeine herangeweht wird. Er schliesst die Tür und geht zurück ins
Büro. Dort setzt er sich auf den Besucherstuhl und wartet. Er greift nach einem Buch, das
da liegt, und liest ein paar Seiten, ohne sich auf sie konzentrieren zu können. Er hat
sich nun mal vorgenommen, einen Kaffee trinken zu gehen, und was er sich einmal in den
Kopf gesetzt hat, das kriegt er so schnell nicht wieder aus diesem heraus. Er schaut nach
draussen. Der Regen hat nachgelassen. Nur noch kleine Tropfen fallen vereinzelt vom
Himmel. Er greift wieder nach dem Schirm und geht zum dritten Mal los. Die Strassen sind
nass. Triefende Mädchen kommen ihm entgegen. Die Sonne bricht durch die Wolken, alles
glitzert. Im Café «Solitaire» setzt er sich unters Vordach, hinter die Topfsträucher,
die, von Wind und Wetter geschützt, in einer Reihe da stehen und die Veranda vom
Bürgersteig trennen. Spatzen fliegen heran und wälzen sich in der trockenen Erde unter
einem der Sträucher, einem abgestorbenen. So ein Staubbad von Spatzen kennt er noch
nicht. Neugierig schaut er zu und freut sich, etwas Neues geboten zu kriegen. Wie Pferde,
Katzen oder Schweine, wälzen sich die Spatzen in der Topferde. Manchmal kippen sie auf
die Seite, einmal sogar einer auf den Rücken, dermassen heftig werfen sie sich hin und
her. Ein Staubwölkchen steht über der Kuhle, die sie für ihr Bad ausgewählt haben und
die durch den Gebrauch immer tiefer wird. Einer nach dem anderen fliegen sie heran, ducken
sich in die Kuhle, werfen sich darin hin und her, rucken vor und zurück, scharren Erde
auf, ducken sich hinein, wetzen den Schnabel links und rechts darin, dann hüpfen sie auf
den Plastikrand des schwarzen Kübels, in welchem der abgestorbene Strunk steht,
schütteln sich, plustern sich auf, fliegen weg oder lassen sich erneut in die Kuhle
plumpsen.
Die nächste Wolkenfront zieht heran. Innerhalb kürzester Zeit verdüstert sich der
Himmel und alles darunter. Grosse Tropfen beginnen zu fallen, dann schüttet es wieder wie
aus Eimern. Die Spatzen verschwinden. Maurice trinkt seinen Kaffee.
(...)
Das Lustige an den Spatzen ist nicht, was sie getan haben. Das Lustige an ihnen ist, dass
Maurice die Zeit hatte, sie wahrzunehmen. In jedem Augenblick tun Spatzen, Menschen,
Elefanten und Meere, was sie tun. In jeder Sekunde geschieht alles, doch wir sehen es
nicht und empfinden Stillstand. Wir glauben, interessant sei das Aussergewöhnliche, die
Rhythmusstörung, der Aussetzer. Das Grandiose ist aber der Rhythmus, der Fluss, die
Allgegenwart. Wenn wir jederzeit offen genug wären, zu sehen, was uns umgibt, dann
hätten wir ein Leben voller Überraschungen, den Traum eines Lebens, einen Roman, ein
ewiges Abenteuer. Man stelle sich bloss vor, wir würden, wo immer wir gehen und stehen,
Spatzen sehen, Hunde, Winde, die sich merkwürdig verhalten, Mücken, Menschen - immer
wieder natürlich und vor allem Menschen, von denen wir am allermeisten glauben, längst
zu wissen, wie sie sind, die wir für unseresgleichen halten und demnach für nicht weiter
beachtenswert; doch wie sie sich verhalten ist immer neu ganz und gar unbegreiflich. (S.
153-156)
Die Geschichte mit meiner Gotte hat noch einen Schluss, einen amerikanischen fast: Etwa
vor zehn Jahren verlor ich einen Zahn. Als freischaffender Autor gewöhnt man sich an, um
Zahnarztpraxen einen Bogen zu machen; man wäre sonst wirtschaftlich allzu schnell
ruiniert. Weil ich mich mit der Lücke jedoch genierte, hielt ich beim Sprechen und beim
Lachen von da an meine Hand vor den Mund. Offenbar sah das ziemlich geziert aus.
«Geld kann man Dir ja keines geben» sagte die inzwischen altgewordene Frau, «doch
dieses Reden hinter vorgehaltener Hand gefällt mir nicht. Lass Dir einen künstlichen
Zahn einsetzen. Die Rechnung übernehme ich».
Das fand ich toll von ihr.
Falls Sie, die Solothurner Sponsoren, sich eines Tages ärgern sollten darüber, wie
sinnlos Preisträger ihr Geld verprassen, mögen Sie es vielleicht machen wie meine Gotte:
wandeln Sie es um in Arzt-Gutscheine und verhelfen Sie auf diese Weise zahnlos gewordenen
Autoren zu neuem Biss.
© Matthias Zschokke, 2006
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