Dankesrede von Kathrin Röggla

meine damen und herren,

es gibt einen ausdruck aus dem westberlin der 80er jahre, der mir immer gefallen hat: die verpeilten. die verpeilten, das ist die bezeichnung für „etwas orientierungslos vor sich hintapernde menschen“, die nicht genau wissen, wo es langgeht, und die wie schlafwandler oder mondsüchtige sich durch den stadtraum bewegen. manchmal scheint mir, als wäre die zahl derer, die verpeilt sind, gestiegen, ja, mehr noch, als würde sich eine grundsätzliche verpeiltheit in unserer zeit aufhalten. und die orientierungsgänge, die man darin unternimmt, führen notwendigerweise zu noch mehr verstrickung. als würde sich eine merkwürdige überkomplexität in vielen fragen aufdrängen, ob es sich um politik, um kaufmännisches oder um unser privatleben handelt. da sprechen wir beispielsweise von management: von zeitmanagement, gesundheitsmanagement, altersmanagement und qualitätsmanagement, oder wir erfinden alles mögliche neu: unseren körper, uns selbst, unsere identität oder sehen uns gar von beraterkulturen umgeben, obwohl wir knapp bei kasse sind. macht nichts: gibt es da nicht diesen kredit bei jener bank, die nicht nach sicherheiten fragt? und während wir uns mehr und mehr verschulden, wenn wir nicht längst schon überschuldet sind, benutzen wir begriffe wie heilsformeln, die eine sichtbarkeit der verhältnisse garantieren sollen, die welt lesbar machen, die sich uns auf gespenstische weise zu entziehen droht, bis wir irgendwann vom realen pleitegeier abgeholt werden.

ja, es sind gespenstische zeiten, doch andererseits: welche zeiten waren jemals gänzlich ungespenstisch, immer hat es der übersetzungen bedurft und noch nie war die lesbarkeit der welt einsprachig. sicherlich erschwert sich diese übersetzungsarbeit angesichts neuer medienverhältnisse, die von embedded journalism, medienkartellen, der verschmelzung von nachricht und werbung, z.b. im product placement bestimmt sind. die neuen sichtverhältnisse zeichnen sich eher durch verschwommenheit aus, und unklar bleibt, in welchen interessenszusammenhängen die dinge, angelegenheiten, situationen eingespannt sind, an welchen kriterien sich nachrichten- und informationswert noch messen müssen. ein unterscheidungvermögen zu entwickeln, wie beispielsweise alexander kluge es fordert, für den austritt aus der selbstverschuldeten unmündigkeit, ist schwierig geworden.

doch ein unterscheidungsvermögen wollen wir entwickeln. wir sind nahezu besessen davon. mehr allerdings im klassifikationssinn. ja, im zeitalter der informationsflut herrscht eine definitions- und einordnungswut, die sich dann auch in der literaturrezeption bemerkbar macht - da wollen wir immer gleich wissen, was etwas ist. ob theater, ob gedicht oder prosa, (als wären diese genregrenzen nicht schon dutzendemale gesprengt worden), aber vor allem wollen wir wissen, ob etwas wichtig ist oder nicht. und wichtig ist etwas, wenn es von jemandem geäußert wird, der erfolgreich ist. ansonsten würden wir es wohl nicht permanent sagen, daß dieser oder jener erfolgreich ist, wobei wir es meist dann tun, wenn diese person es in wirklichkeit gar nicht ist.
aber was sollen wir auch anderes machen? wir sind im streß. permanent sollen wir lernen, wir sollen uns bereit halten, flexibel sein, uns identifizieren, selbstverantwortlich sein und uns anzupassen. in unserer aufmerksamkeitsökonomie wird mehr und mehr gespart, und auch der neugier wird nur wenig platz eingeräumt, weil sie dann intensiver und effzienter genutzt werden kann. der tunnelblick hat eben eine sehr hohe geschwindigkeit.

eine weitere reaktion auf die verschwommenen sichverhältnisse scheint mir die sehnsucht, sich in eins-zu-eins-verhältnissen zu bewegen. also im theater direkte abbildungsverhältnisse vorzufinden, das bedürfnis nach einem neuen sozialen realismus, und schliche sich ein hinweis auf eine künstlichkeit ein, dann solle sie repräsentationsvorgänge oder fluchtgänge befördern. im fernsehen äußert sich die sehnsucht nach der krassen realität im big brother- und doku-soap-getümmel auf allen kanälen, authentitzität steht hoch im kurs, das publikum scheint sich stets in erwartung einer originalgröße, eines originalschauplatzes, einer originalsprache aufzuhalten, die das zu sehende authentifziert und so legitimiert.
dabei wird schnell vergessen, daß es sich um rahmungen, mediale rahmen, um inszenierungsvorgänge handelt, denn das authentische in den medien besteht höchstens aus authentizitäteffekten, und auch naturalismen sind übersetzungsvorgänge. doch selbst im leben jenseits der bühne erleben wir: es gibt keinen inszenierungsurlaub! ja, auch im alltag sind wir stets dabei, performative gesten zu setzen, zwar ungeordnet, unbewußt, aber ohne sie wäre kein kommunikationsvorgang zwischen menschen vorstellbar.

doch letzendlich ist dies mediale, ist dieser übersetzungsbedarf etwas sehr positives, wie man bei der lektüre von walter benjamins essay „über die sprache überhaupt und über die sprache des menschen“ feststellen kann. ausgehend von der annahme, daß alle menschliche äußerung sprache und alle sprache übersetzung sei, schreibt er: „der ununterbrochene strom dieser mitteilung fließt durch die natur vom niedersten existierenden bis zum menschen und vom menschen zu gott.“ eine sprachbewegung, in der alle höhere sprache die übersetzung der niederen ist. wir haben diese hierarchie möglicherweise nicht mehr, zumindest mir liegt sie nicht, dennoch gefällt mir der grundgedanke der prinzipiellen übersetzbarkeit, mehr noch, des prinzipiellen übersetzungsverhältnisses. er beinhaltet auch eine grundsätzliche kommunikabilität aller dinge, wenn auch kein sprechvermögen der stummen natur. und in dieser kommunikabilität, dieser unglaubliche aufladung mit sozialem, steckt nicht nur ein wenig utopische hoffnung, eine überwindung der sterblichkeit, es wird auch ein andere blick auf die welt ermöglicht. denn wenn alles in diesem übersetzungsverhältnis steht, dann ist es weniger essentiell zu beschreiben, sondern mehr über das formale, über den zusammenhang, bzw. den kontakt, also mehr das, was zwischen den dingen, den menschen liegt als scheinbar in ihnen. das ist es, was mich an witold gombrowiczs literatur fasziniert, an judith butlers theorie der performanz, an hubert fichtes riesenroman und alexander kluges ausufernde und vielseitige künstlerische arbeit. das ist es auch, was mich am theater interessiert. es mag absurd klingen, wenn ich sage, mich interessiert am theater das performative, aber damit meine ich eben gerade das formale spiel des schauspielers, die haltungen, die er einnimmt, die gesten, die inszenierung mehr als das dargestellte, die magie des verwandlungsprozesses mehr als das resultat, wenn es sowas gibt.
das lustvolle spiel mit den rahmungen und deren ironische durchbrechung, der freudige sprung auf meta-ebenen und zurück führt uns in die welt der kopien und der jean-paulschen-doppelgänger. und schon sind wir wieder im bereich des spukhaften, das vielleicht eine art gegenzauber, eine art gegenspuk zu jener spukhaftigkeit der uns umgebenden welt sein könnte.

als notwendige ergänzung zu jener sehr verspielt romantischen haltung wäre eine zweite dimension dieser übersetzungsproblematik anzubringen, die judith butler in „hate speech“ formuliert hat: das verhältnis von sprache und macht, bzw. die verletzende macht der sprache. eine der wichtigsten feststellungen darin scheint mir zu sein, daß sprachliche äußerungen nicht ein soziales herrschaftsverhältnis widerspiegeln, sondern diese herrschaft neu inszenieren. sie ist nicht alleine das vehikel der macht, die jenseits der sprache, der institutionen, der gesellschaftlichen praktiken existiert und besessen, also wie ein gegenstand besessen werden kann. auf der anderen seite entzieht sich sprache immer den totalitären zugriffen der macht. nein, dieses verhältnis von macht und sprache ist sehr verwickelt, und diese verwicklungen spürbar zu machen, sie immer wieder sinnlich konkret zu machen, scheint mir eine der wichtigsten aufgaben von literatur. das kann sprachkritik sein, muß sich aber nicht notwendigerweise mit rhetoriken beschäftigen, kann sich mit narrationsmustern genauso auseinandersetzen, mit institutionen und mustern der sprachlichen reaktion aufeinander, mit sprachlichen gesten und der zurichtung der wahrnehmung. das feld ist so vielfältig, wie es verknüpfungen und verknotungen zwischen diesen beiden feldern gibt.

diese beiden theoretischen hintergründe führen mich zu der feststellung, daß ich nicht alleine für mich schreibe, also keine sprache aus mir herausentwickle, etwa aus einer fiktiv autonomen subjektivität, nein, meine schreibarbeit ist immer auf ein gegenüber bezogen, es sprechen viele mit. das berühmte weiße blatt existiert so nicht, bzw. tummeln sich darauf eher zuviele gespenster, die man manchmal mit viel mühe vertreiben muß - aber diese arbeit mit material läßt einen ständig verbindungen aufnehmen, verbindung halten. es ist ein dialogischer prozess. und gerade weil das so ist, habe ich die möglichkeit, meinen kurs zu ändern, entscheidungen zu treffen, etwas zu sagen, zu erwidern oder auch mich zu entziehen, bzw. widerstände zu setzen. und das ist auch notwendig, denn es sind gespenstische zeiten, in denen wir uns befinden.

und so ist es mir eine große freude, heute hier vor ihnen zu stehen, und mich für die zuerkennung des solothurner literaturpreises bedanken zu können. für die zuerkennung bei der jury und für das preisgeld bei den stiftern.

© kathrin röggla, 2005

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