Für das Jahr 2009 geht der Solothurner Literaturpreis an Juli Zeh. Die 35jährige, heute im Havelland ansässige Schriftstellerin und ausgebildete Verfassungsjuristin erhält die mit CHF 20‘000 dotierte Auszeichnung für ihr literarisch vielstimmiges und zeitgeschichtlich prägnantes Werk.

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans Ulrich Probst (Vorsitz), Christine Tresch und Beat Mazenauer, zeichnet mit Juli Zeh eine Autorin aus, die in den letzten acht Jahren ein bemerkenswert breit gefächertes Werk vorgelegt hat. Juli Zeh greift brisante Themen auf und bringt sie mit souveränen sprachlichen Mitteln zur Darstellung. Gerade ihr jüngst erschienener Roman „Corpus Delicti" (2009) bezeugt die Virtuosität und Leidenschaft, mit der Juli Zeh gesellschaftliche Verwerfungen im Spannungsfeld von privater Freiheit und staatlicher Ordnung literarisch verarbeitet.

Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren. Nach dem Abitur studierte sie von 1993 bis 1998 Jura in Passau und Leipzig. Schon vor dem ersten Staatsexamen begann sie 1996 ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, das sie 2000 mit einem Diplom abschloss. Weitere juristische Studien sowie ein Referendariat am Landgericht Leipzig beschloss sie Ende 2003 mit dem zweiten Staatsexamen. Heute lebt und arbeitet Juli Zeh als Autorin und freie Juristin in einem brandenburgischen Dorf ausserhalb von Berlin.

„Adler und Engel", ihr Romandbüt 2001, machte Juli Zeh auf Anhieb bekannt. Das Buch startet fulminant mit dem Selbstmord der jungen Jessica. Ihr Freund, der Karrierejurist Max, ist Zeuge der Tat. Anstatt als Völkerrechtsexperte in Ex-Jugoslawien Frieden zu stiften, gerät er in der Folge auf die Schattenseite der Conditio Humana. Gerade junge Leser fühlen sich in diesem Buch angeregt durch das obsessive Gemisch aus Beziehungsunfähigkeit und kriminellen Machenschaften, deren Ursprünge auf den gewaltverseuchten Balkan führen. Staunenswert an diesem umfangreichen Erstling bleibt, wie gekonnt und sprachmächtig Juli Zeh die epische Breite bewältigt und die Spannung durchhält.
Der Balkankrieg ist auch in den nächsten zwei Büchern der Preisträgerin präsent. In der Reiseerzählung „Die Stille ist ein Geräusch" (2002) ergründet Juli Zeh die Lage im kriegsversehrten Bosnien und dokumentiert darin vor allem eine produktive und nachdenkliche Ratlosigkeit. 2004 stellt sie unter dem Titel "Ein Hund läuft durch die Republik" eine Anthologie mit Erzählungen von bosnischen Autoren und Autorinnen vor.

Getreu ihrem Werdegang prägen Recht und Rechtssprechung immer wieder Juli Zehs Bücher. So auch im gleichfalls 2004 erschienenen zweiten Roman „Spieltrieb". Auf eindrückliche Weise nähert die Autorin sich darin dem Brennpunkt Schule. Zwei Schüler erpressen einen Lehrer und manövrieren ihn in eine ausweglose Situation. Juli Zeh erzählt von einer jungen Generation, die es, medial gewieft, versteht, die herkömmlichen Ordnungsmuster zu unterlaufen. In diesem Buch verbindet sie nüchterne Sachlichkeit mit poetischer Dichte und schafft höchste atmosphärische Spannung, in welcher sich die moralische Verwirrung und Verwahrlosung, die sich im Grossen abspielt, im Kleinen widerspiegelt.
Ihre intellektuelle Wachheit beweist Juli Zeh immer wieder auch in Aufsätzen und Essays, in denen sie pointiert virulente soziale und und politische Fragen aufgreift. Einige davon sind 2006 gesammelt im Band „Alles auf dem Rasen" erschienen.

In ihrem dritten Roman „Schilf" (2007) verlegt sich Juli Zeh aufs Krimigenre, um zugleich dessen Gesetze gewitzt zu unterminieren. Beim Mord an einem Physiker gerät die Polarität von wahr - falsch gründlich ins Zwielicht, das erst ein eigensinnig-skurriler Kommissar zu durchschauen vermag. In unserer komplexen Gegenwart ist Gewissheit nicht mehr einfach herzustellen. Das demonstriert Juli Zeh mit analytischem Witz und sprudelnder Metaphorik.

Die geglückte Einheit von literarischer Form und gesellschaftspolitischer Brisanz demonstriert schliesslich das eben erschienene, zunächst als Theaterarbeit vorgelegte, jüngste Buch der Preisträgerin: In „Corpus Delicti" entwirft Juli Zeh das verblüffende Szenario einer künftigen Gesellschaft, in der das private Wohlbefinden ganz dem Gemeinwohl unterworfen wird. Der Einzelne verliert sowohl sein Recht auf Krankheit wie die Angst davor. Doch was bleibt dem Individuum dann noch übrig, fragt die Autorin und greift so Diskussionen über Gesundheitsvorsorge, globale Epidemien und biometrische Kontrollinstrumente auf. Die globalisierte Risikogesellschaft lässt niemanden mehr unbehelligt, dies illustriert der knapp und klug kalkulierte Text, der seinerseits niemanden unbeteiligt lässt. Mit ihm unterstreicht Juli Zeh erneut ihr waches Sensorium für hochaktuelle gesellschaftspolitische Konflikte, die sie mit souveräner Handschrift literarisch zupackend gestaltet.

Mit noch nicht mal 35 Jahren hat Juli Zeh bereits ein ausgesprochen vielseitiges, reifes und literarisch überzeugendes Werk realisiert, das auch für die Zukunft zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.

 

Die öffentliche Preisverleihung an Juli Zeh findet am Montag, 22. Juni um 19.30 Uhr in Solothurn statt.

6. Mai 2009
Hans Ulrich Probst / Christine Tresch / Beat Mazenauer


Werke

  • 2001   Adler und Engel. Roman
  • 2002   Die Stille ist ein Geräusch. Reiseerzählung.
  • 2004   Ein Hund läuft durch die Republik (Hrsg.). Anthologie.
  • 2004   Spieltrieb. Roman.
  • 2005   Kleines Konversationslexikon für Haushunde.
  • 2006   Alles auf dem Rasen". Kein Roman.
  • 2006   Spieltrieb. Nach dem Roman von Juli Zeh. Für die Bühne bearbetiet von Bernhard Studlar.
  • 2007   Schilf. Roman.
  • 2008   Das Land der Menschen, mit Zeichnungen von Wolfgang Nocke (Kinderbuch)
  • 2009   Corpus Delicti. Ein Prozess.
    (alle erschienen im Schöffling Verlag, Frankfurt a.M.)

  • 2009   Juli Zeh / Ilija Trojanow: Angriff auf die Freiheit. Überwachungsstaat, Sicherheitswahn und der Abbau unserer Bürgerrechte. Zus. mit Ilija Trojanow. Hanser Verlag, München. 

 

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