Der Solothurner Literaturpreis 2004 wird Barbara Honigmann verliehen. Die Schriftstellerin und Malerin ist 1949 in Ost-Berlin geboren und lebt seit 20 Jahren mit ihrer Familie in Strasbourg. Barbara Honigmann wird für ihr erzählerisches Werk ausgezeichnet. Der Preis ist mit 20 000 Franken dotiert.

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans Ulrich Probst (Vorsitz), Christine Tresch und Beat Mazenauer, zeichnet ein Werk aus, in dem europäische Geschichte in intimen persönlichen Spiegelungen sichtbar wird. Die Konzentration auf familiäre Erfahrungen bedeuten bei Barbara Honigmann nicht Abwendung von, sondern Hinwendung zur Welt. Als manchmal ”eher erschrockene Nachgeborene”, wie es in ”Damals, dann und danach” (1999) heisst, blickt sie auf die eigene Familiengeschichte zurück, aus der sie sich 1984 zu befreien versucht hat mit dem Weggang aus der 'sozialistischen' DDR ins französische Strasbourg und mit der Hinwendung zum bewusst gelebten Judentum.
Gedächtnis und Identität, das sind die Pole, zwischen denen sich Barbara Honigmanns Werk aufspannt, eine äusserst feinnervige Sprache ist das Mittel, mit dem sie sich poetisch selbst behauptet.

Barbara Honigmann ist 1949 geboren als Tochter jüdischer Emigranten, die Mutter aus Wien, der Vater aus Hessen, die sich nach Kriegsende und dem Exil in England in Ostberlin nieder liessen. Im Elternhaus waren die jüdischen Wurzeln von marxistischen Hoffnungen verdrängt worden. Nach ihrem Studium der Theaterwissenschaft und Erfahrungen als Dramaturgin, welche sie im Briefroman ”Alles, alles Liebe!” (2000) anschaulich schildert, setzt der Niedergang der DDR und die Geburt ihres ersten Sohnes eine Zäsur. Barbara Honigmann wendet sich resolut der Frage nach ihrer eigenen Herkunft zu. Gleich ihr erstes Buch, der aus sechs Erzählungen bestehende ”Roman von einem Kinde” (1986), umkreist eindringlich und in einem ganz eigenen, mal zarten, mal schnoddrigen Ton ihr zentrales Thema: die ”Suche nach einem Minimum jüdischer Identität”, die persönliche ”Vergegenwärtigung” des deutsch-jüdischen Erbes.

Dieses Ringen um einen Ausbruch aus der Enge erzeugt ideologische Distanz und zugleich emotionale Nähe zur eigenen Familie.

In dem stark autobiografisch gefärbten Roman ”Eine Liebe aus nichts” (1991) errichtet sie ihrem Vater ein bewegendes, kunstvoll arrangiertes Denkmal. Das Verhältnis zwischen Tochter und Vater ist geprägt durch das Schweigen über den Holocaust, den der Vater verdrängt und die Tochter wieder erinnert.
Ganz in die Fiktion enthoben ist die Erzählung ”Soharas Reise” (1996), die, basierend auf neuen Begegnungen der Autorin in Strasbourgs jüdischer Gemeinde, lapidar und gleichwohl wundersam bildhaft die Geschichte einer sephardischen Jüdin erzählt, die sich ihr selbstständiges Leben erkämpft. Trotz dieses Ausflugs in die Fiktion bleibt die eigene Geschichte weiter Kern ihrer Bücher.

Dies unterstreicht jetzt auch das Buch ”Ein Kapitel aus meinem Leben”, das diesen Sommer erscheint und dem Vaterbuch von 1991 das Mutterbuch beigesellt. Es erzählt von der Spurensuche nach dem in vieler Hinsicht verblüffenden Leben von Barbara Honigmanns Mutter, das sich auch im Dunstkreis von Spionage und Kaltem Krieg abspielte. Das ”Doppelte und Ungefähre, die Lüge nahe der Wahrheit”, zeigt sich in diesem Leben in faszinierenden Facetten, es bleibt das elementare Thema, dem sich Barbara Honigmann seit dem ersten Buch mit grosser Passion, gedanklichem Feinsinn und einem unverwechselbaren, poetisch ungekünstelten Stil verschrieben hat.
Die öffentliche Preisverleihung an Barbara Honigmann findet am Montag, 28. Juni um 19.30 Uhr im Solothurner Landhaus statt.

10. Mai 2004
Hans Ulrich Probst /Christine Tresch /Beat Mazenauer

Die Bücher von Barbara Hongimann

  • 1986 Roman von einem Kinde. Luchterhand Verlag, Darmstadt; auch dtv-Taschenbuch.
  • 1991 Eine Liebe aus nichts. Rowohlt Berlin; auch Rowohlt-Taschenbuch.
  • 1996 Soharas Reise. Rowohlt Berlin; auch Rowohlt-Taschenbuch.
  • 1998 Am Sonntag spielt der Rabbi Fußball. Kleine Prosa. Wunderhorn, Heidelberg.
  • 1999 Damals, dann und danach. Hanser Verlag, München; auch dtv-Taschenbuch.
  • 2000 Alles, alles Liebe! Roman. Hanser Verlag, München; auch dtv-Taschenbuch.
  • 2004 Ein Kapitel aus meinem Leben. Hanser Verlag, München.
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