Die deutsche Lyrikerin, Prosaautorin und Essayistin Ulrike Draesner erhält den Solothurner Literaturpreis 2010. Die 1962 in München geborene Schriftstellerin lebt und arbeitet seit 1996 in Berlin. Sie wird für ihr von grossem Gespür für den Zeitgeist geprägtes, poetisch hoch aufgeladenes Werk ausgezeichnet. Der Preis ist mit 20 000 Franken dotiert.

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans Ulrich Probst (Vorsitz), Christine Tresch und Beat Mazenauer, vergibt den Preis an eine Autorin, die sich in ihren Büchern lustvoll, leidenschaftlich mit der menschlichen Natur und Identität im Zeitalter der medialen Überflutung und der künstlichen Reproduzierbarkeit auseinandersetzt. Hartnäckig fragt sie nach den Verletzungen, die dem Indviduum aus den neuen Zwängen erwachsen. In ihrer Zeitzeugenschaft operiert Draesner sprachlich so differenziert wie vielseitig. Ihr literarisches Register umfasst gestochen präzise Erzählprosa, fundierte Essayistik und eigensinnig kraftvolle Lyrik. Insbesondere dieser kreative Reichtum ist ein Kennzeichen ihres bisherigen Schaffens.

Ulrike Draesner wurde 1962 in München geboren. Angeregt durch ein Stipendienjahr in Oxford studierte sie Anglistik, Germanistik und Philosophie. Drei Jahre nach ihrer Promotion debütierte sie 1995 mit dem Gedichtband „gedächtnisschleifen". Intensive Bilder und syntaktische Verschiebungen rufen funkelnde Naturimpressionen hervor, in denen das wahrnehmende lyrische Ich selbst aufgeht. Draesners poetische Sprache zeugt von einem überschiessenden Einfallsreichtum; zugleich konfrontiert sie das lyrische Pathos stets mit wachem Gegenwartsbewusstsein. Dies gilt exemplarisch für ihren jüngsten Gedichtband „berührte orte" (2008), worin die Sprache zwischen emotionaler Rührung und örtlicher Berührung oszilliert.

In ihren Gedichten und Essays wird sichtbar, wie gut sich Ulrike Draesner auf aktuelle Diskurse versteht. Dies gilt ausdrücklich auch für ihre Romane, deren erster, „Lichtpause", 1998 erscheint. Mit schier lyrischer Sprachkraft beschreibt er die Geschichte eines 11-jährigen Mädchens, das sich gegen die Normierungen und Erwartungen seiner Umwelt behauptet. Bei einem Unfall getötet, beginnt es selbst mit einer Stimme zu erzählen, die schwebend und durchscheinend bleibt. Vier Jahre später folgt der Roman „Mitgift", worin Draesner in einer Parallelerzählung das Thema der geschlechtlichen Identität kunstvoll entfaltet und diskutiert. Die antagonistische Beziehung der beiden Schwestern Aloe und Anita wird zu einem Spiegelkabinett der Körpererfahrung, an der sich Wunsch und Wirklichkeit brechen. Eindrücklich die sprachliche Souveränität, mit der Draesner die komplexe Thematik bewältigt.

Nach einem Erzählband, „Hot Dogs" (2004), den nüchterne Lakonie auszeichnet, erscheint 2005 der vielschichtige Roman „Spiele". Politisches und Privates durchdringen sich darin vom Zufall geleitet. Am 5. September 1972 überfiel ein palästinensisches Terrorkommando die israelische Olympiadelegation in München. Dieses einschneidende Ereignis verknüpft die Erzählerin Katja in der Rückerinnerung mit ihrer Adoleszenzkrise. Ihr Jugendfreund Max wurde als junger Polizist bei der damaligen Befreiungsaktion verletzt und hinkt seither. Wieviel Schuld trägt sie selbst daran, fragt sich Katja, weil Max zur Polizei gegangen ist, nachdem sie ihn blossgestellt hatte? Die beiden Zeitebenen werden kunstfertig, dramaturgisch präzise gegeneinander geschnitten und geben - indirekt - auch verblüffende Blicke auf die Terrorkatastrophe des 11. Septembers 2001 frei.

Ihr Anfang dieses Jahres erschienener jüngster Roman „Vorliebe" schliesslich legt den Schwerpunkt wieder verstärkt auf das Beziehungsgefüge seiner Protagonisten. Er erzählt eine scheinbar schlichte Dreiecksgeschichte, die dadurch besticht, dass die Konfusion der Gefühle und die wechselseitigen Projektionen der Liebenden und Leidenden formal feingliedrig eingefangen und originell in Astrophysik und Metaphysik gespiegelt werden. Draesner treibt ihre Figuren forsch und zugleich behutsam einander entgegen und in die Krise.

Sprachliche Leidenschaft und brennend aktuelle Diskurse finden in Ulrike Draesners Prosa und Poesie zu einer aufregenden Einheit, die Lust auf neue Lektüren erzeugt.

Die öffentliche Preisverleihung an Ulrike Draesner findet am Montag, 21. Juni 2010, 19.30 Uhr im Konzertsaal, Solothurn statt.

6. Mai 2010
Hans Ulrich Probst / Christine Tresch / Beat Mazenauer


Werke
  • gedächtnisschleifen. Gedichte. Frankfurt a.M. 1995; überarb. Neuausgabe München, Luchterhand, 2008
  • anis-o-trop. Sonnettenkranz. Hamburg, Rospo Verlag, 1997
  • Lichtpause, Roman. Berlin, Volk & Welt, 1998
  • Reisen unter den Augenlidern. Erzählungen. Klagenfurt, Ritter Verlag, 1999
  • für die nacht geheuerte zellen. Gedichte. München, Luchterhand, 2001
  • Mitgift. Roman. München, Luchterhand, 2002
  • Hot Dogs. Erzählungen. München, Luchterhand, 2004
  • kugelblitz. Gedichte. München, Luchterhand, 2005
  • Spiele. Roman. München, Luchterhand, 2005
  • Schöne Frauen lesen. Essays. München, Luchterhand, 2007
  • Zauber im Zoo.Vier Reden von Herkunft und Literatur. Göttingen, Wallstein Verlag, 2007
  • berührte orte. Gedichte. München, Luchterhand, 2008 
  • Vorliebe. Roman. München, Luchterhand, 2010

Übersetzungen

  • William Shakespeare: Twin spin, Göttingen 2000
  • Gertrude Stein: The first reader, Klagenfurt 2001
  • Charles Simmons: Belles Lettres, München 2003 (zus. mit Klaus Modick)
  • Louise Glück: Averno, München 2007
  • Louise Glück: Wilde Iris, München 2008
Ulrike Draesners Webseite


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