Für das Jahr 2005 geht der Solothurner Literaturpreis an die österreichische Prosa- und Theaterautorin Kathrin Röggla. 1971 in Salzburg geboren, lebt und arbeitet die Schriftstellerin seit 1992 in Berlin. Kathrin Röggla wird für ihr ausserordentlich vielseitiges und experimentierfreudiges Werk ausgezeichnet. Der Preis ist mit 20 000 Franken dotiert.

Die dreiköpfige Jury, bestehend aus Hans Ulrich Probst (Vorsitz), Christine Tresch und Beat Mazenauer hebt in Ihrer Begründung die Subtilität hervor, mit der Kathrin Röggla die sprachliche Reflexion verknüpft mit einer Kritik an den sozialen und ökonomischen Anforderungen unserer Zeit. Den eigenen Erfahrungshorizont durch ausführliche und intensive Recherchen erweiternd, forscht sie Grundmustern des gesellschaftlichen Handelns nach, um sie in virtuos rhythmisierten, konsequent durchgestalteten Texten ideologiekritisch einzufangen. Dabei gehört das Element des Szenischen unabdingbar auch zu ihrem Prosa-Werk. Die Breite ihrer Interessen und die Innovationskraft ihrer Texte geben nach Meinung der Jury Anlass zu hohen Erwartungen für ihr künftiges Schaffen.


Erstmals Aufsehen erregt hat Kathrin Röggla 1993 mit dem Preis des Internationalen Open-Mike-Festivals in Berlin. Purzelnde perlende Wortketten zeichneten zwei Jahre später ihr Buchdebüt aus, die Prosa “niemand lacht rückwärts”. Darin heisst es eingangs: “alles lässt sich zweimal erzählen. in gelb und in grau”,. Alles lässt sich hin und her wenden und durch phantastische Schleifen ziehen, so dass kein Erzählstein auf dem anderen bleibt. Röggla, die zwischen 1989 und 1998 Germanistik und Publizistik studiert hat, folgt hier frech und frei den Spuren von Vorbildern wie Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Arno Schmidt oder Kurt Schwitters. In ihrem ersten Roman “Abrauschen” , 1997, akzentuiert sie diesen spielerischen Impuls, indem sie den Bruch zwischen Sprache und Leben aufdeckt. Die “erbengeneration”, zu der sie sich selbst zählt, wird in einem schnellen Stakkato aus Slang, Wortspiel, poetischen Verbiegungen und präziser Beobachtung charakterisiert als eine Generation, bei der Wünsche und Alltag nicht zur Deckung kommen. Der Text pendelt zwischen wörtlichem und übertragenem Sinn.


Hier schon und auch in ihrem dritten Buch “Irres Wetter” (2000) zeichnete sich ab, dass ihre sprachartistischen Texte weit über die üblichen literarischen Selbstbelichtungen hinauswiesen. Das Berlin-Buch "Irres Wetter" wirft satirisch brillante und soziologisch träfe Schlaglichter auf die Verwerfungen in der sich nach der Wende so rasant wie widersprüchlich entwickelnden neu-alten Hauptstadt. Röggla erkundet akribisch die Muster, in denen die alltäglichen Sprachrituale gefangen sind. Zur luziden Fallstudie gerät dies im jüngsten Roman “Wir schlafen nie” (2004). Das Buch basiert auf Gesprächen mit Angestellten in der Telekommunikationsbranche, deren Aussagen Röggla zu einem zusehend dissonanten Chor von verzagten Selbstdarstellungen formt, hinter deren Hohlformeln allmählich eine verzweifelte Einsamkeit spür- und hörbar wird. Was den Roman besonders auszeichnet, ist die subtile Komposition und die rhythmische Geschmeidigkeit, mit der Röggla die aufgezeichneten Aussagen in einen äusserst dichten Montagetext transformiert.


In diesen Büchern wie auch in ihren Arbeiten am und für das Theater, die sie seit 1989 betreibt, erzeugt Kathrin Röggla einen sprachlichen Wirbel, der Worte und Bedeutung voneinander reisst und so die Skepsis gegenüber dem Gerede nachvollziehbar macht. Die sinnentleerte Sprache wird zum Zerrspiegel für eine gesellschaftliche Wirklichkeit, in der sich Menschen immer mehr mit sprachlichen Hülsen darüber hinweg helfen, dass sie nichts zu sagen wissen und im Getriebe globalisierter Ökonomie vielfach nichts zu sagen haben.


Die öffentliche Preisverleihung an Kathrin Röggla findet am Montag, 27. Juni abends im Solothurner Landhaus statt.


12. Mai 2005

Hans Ulrich Probst /Christine Tresch /Beat Mazenauer

Die Bücher von Kathrin Röggla

Prosa:
  • niemand lacht rückwärts. Residenz Verlag, Salzburg, 1993.
  • Abrauschen. Roman. Residenz Verlag, Salzburg, 1997.
  • Irres Wetter. Residenz Verlag, Salzburg, 2000.
  • really ground zero. 11. September und Folgendes. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2001.
  • Wir schlafen nicht. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2004.
  • tokio. rückwärtstagebuch. Mit Oliver Grajewski (Comic). Starfruit. Berlin 2009.
  • Die Alarmbereiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2010.

Theater:

  • Fake Reports, 2002.
  • totficken, totalgespenst, topfit, 2003.
  • wir schlafen nicht, 2004.
  • junk space, 2004.
  • sie haben so viel liebe gegeben, herr kinski!, 2004.
  • draussen tobt die Dunkelziffer (UA bei den Wiener Festwochen, Juni 2005), 2005.
link Homepage von Kathrin Röggla
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