Dankesrede von Ulrike Draesner


Solothurn hat schon einmal wesentliche Spuren in meinem Leben hinterlassen. Im Mai 2002 kam ich hierher zu den Literaturtagen, mit dem zweiten Roman und einem fünf Monate alten Hund. Wir hatten großartige Tage, allemal der Hund. Er lernte viel.

Erstens: Wenn du mit Frauchen in ein Restaurant kommst, renn als erstes in die Küche. Dort werden diese netten Solothurner Köche um dich im Kreis stehen und dich endlich einmal so richtig mit Schinken und Käsehappen füttern, die sie dir reihum ins Maul werfen.

Zweitens: Wenn du auf Lesungen geht’s, musst du nur warten, bis geklatscht wird. Dann springst du auf, jappst und ziehst wild an der Leine, damit dein Frauen auf jeden Fall als erste in dem Restaurant ankommt, in das man jetzt aufbricht. Von Rückschlägen der Art „es wird geklatscht, aber man bleibt sitzen und das alle fünf Minuten“, lässt du dich nicht abschrecken. Du jappst einfach etwas länger nach, quasi bis zum nächsten Klatschen.

Drittens: Wenn du mit Frauen Zug fährst, sitzt du auf vier Schößen zugleich. Der Zug fährt ab in Solothurn, es ist ein Sonntag im Mai, Muttertag, und der Zug ist voll als führe er in Indien. Überall hängen wunderbar nach Schweiß und Nahrung duftende Menschenarme, Beine und Bäuche herum, überall stehen noch wunderbarer duftende Rucksäcke, es ist so eng, wie du es magst, ein schwitzendes Rudel, man hebt dich auf den Schoß, obwohl du schon15 Kilo wiegst und haarst, und du darfst überall sitzen und alles und alle abschlecken.

Wahrlich, die Schweiz ist ein erstaunliches Land. Das erstaunlichste Ort darin ist selbstverständlich Solothurn. Sie bemerken, heute habe ich den Hund nicht mitgebracht, er macht eine Diät. Aber - ich bringe ihm auf jeden Fall etwas von dieser Reise mit. Eben, als ich auf die Bühne ging, wurde mir klar, dass es ein Fehler war, den Hund zuhause zu lassen. Nun stehe ich selbst hier als junger oder halbjunger Hund, so fühle ich mich jedenfalls, glücklich und froh wie jener Welpe, der in die Solothurner Küche rannte. Auch ich hatte unverhofftes Glück, eine Tür öffnete sich, ein Anruf kam. Ein wenig blinzele ich noch, fast wie im Traum, und im Traum murmeln meine Lippen „Solothurn Solothurn“, und der Hund spitzt die Ohren. Das Schreiben am nächsten Roman ist gerettet, Muße für Arbeit, die ich am besten, ach, eigentlich nur dann ausführen kann, wenn ich weiß, ich muss nicht aufbrechen, nicht Geld verdienen fahren mit Lesungen, nein, ich kann zuhause bleiben, mich auf die Suche machen nach einem Thema und seiner Sprache, mich der Erzeugung widmen von Gedanken und Figuren aus der Sprache heraus, kann Essays schreiben, in ihnen die Verquickung von Erzählung und Analyse weitertreiben, die Suche nach Formen eines ungedanklichen Denkens, von dem, in Bezug auf Unendlichkeit, bereits und sehr schön Edgar Alan Poe sprach, der selbst einige ungedankliche Gedanken zu denken und schreiben wusste.

„Denken“ und „danken“ sind sich im Deutschen, im Indogermanischen, auch im Englischen mit think und thank sieht man es noch, etymologisch nah, sie kommen aus einer Wurzel, und es lohnte sich darüber nachzudenken, welches Wissen über die Angewiesenheit des Denkens auf Empfindung oder eine bestimmte Haltung hier in der Sprache seinen Niederschlag gefunden hat. So danke ich für diesen Preis und denke an Muße, das meint an innere Freiheit, Spannung und Konzentration, um weiter nachzudenken über uns Menschen, unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle beim Leben zwischen den Mustern der Affenhorde und des Wolfsrudels, zwischen Biologie und Kultur, zerstörter Natur, Egoismus, und Überforderung, mit unseren kleinen, aber dehnbaren Köpfen und Herzen in einer Welt, deren Komplexität uns immer schon entwachsen war. Denke an und danke für die Muße dazusitzen, umherzugehen und zu beobachten, wie Menschen um mich herum sprechen, wie Gesten ihre Sprache und mehr noch ihre Handlungen begleiten, wie Wahrnehmungen sich ohne Worte zwischen uns übertragen -, oder wie sagen Gehirnforscher: wie unsere Gehirne komplexe rückgekoppelte Systeme sind, wie Neues durch Sprünge entsteht und kein Mensch jemals ausrechenbar sein wird. So wenig wie, versteht sich, der Hund, der einzig am Tisch ausrechenbar wird, da sitzt er in froher Erinnerung an die Solothurner Küche unverrückbar neben mir, das Maul aufgesperrt wie ein Krokodil - er ist zwar eher klein, hat aber ein sehr großes Maul -, und wartet, was reinfällt. Er denkt, dass Leben so geht, während ich schreibe, lese und anfange mich hineinzuarbeiten in die Mühle „nächster Roman“, an Gedichten sitze, dort ist die Leine lockerer und strenger, mich zweifelnd frage, wie man sein Leben führt, allemal ein solches, und dann der Sprache nachhöre und ihrem Bild vom „geführten Leben“:

weißt du denn wie man ein leben führt?
hat es den nasenring, ja? ist der ochs der
trabt und hat den schwanz sich kneifen
lassen mit den fliegen drauf dem kurzen
fell und weichem auge das so schwimmt?
da, grau auf silbertablett der zitronenring
das schön geschälte das dich rührt weil du
den baum darin so was wie sonnenfeld wie
ypsilon im mund der zellen zug nun spürst –
im mund. an der nase doch geführt oder mit einem buch
aus leder, ochs. gar vielleicht, zitronensud, sie legten
alles ein dort wo du denkst wo bilder
sprachen mischen, loll. nun nimm den sturz es
ist gemalt ist alles aufgemalt als eins (die zwei bist
du) fährst straßenbahn (steigst um). da
schau nur wie ihr plötzlich
oder doch auch platzend
spielt

Ich weiß nicht, wie man Leben führt, und bin dankbar, manchmal geführt zu werden, auch angestoßen, dankbar um Interaktion. Um Ohren, die zu hören wissen, Augen, die zu lesen verstehen und mitkommen auf Expeditionen in Unwägbarkeiten, in Welten aus Bildern und Worten, in Versuche der Durchdringung und Verkörperlichung, in ein Verständnis der Sprache aus sinnlicher Wahrnehmung. Dann mag man manchmal sich selbst anders spüren, mag klopfen an die Gitterstäbe unserer Wahrnehmung und sprachlichen Verfasstheit. In glücklichen Momenten wird man mitgenommen in Berührung und Berührtheit, wird unterhalten und unterrichtet – an Fragen erinnert, an Augenblicke, in denen man rufen möchte „wie schön ist die Welt, so, wie sie ist“. Und der Zug kommt, er ist übervoll, Arme und Beine quellen heraus, man schwitzt, fährt, unterwegs trifft man sich, geht auseinander, jeder voller Träume und Gedanken, Hoffnungen und Pläne, Lieben und Liebschaften, Erinnerungen und Verzweiflungen. Vor kurzem fragte man mich im Hinblick auf Lesungen, wer dabei der dominante Teil sei. Keiner, lautet die Antwort, es geht nicht um Dominanz, eher um einen Tanz. Der Autor mag, um in einem Bild zu sprechen, mit seiner Stimme führen, er gibt den Takt an, aber nicht fest, sondern als Möglichkeit, er erzeugt eine Melodie, zur Hälfte, doch wenn wir uns nicht zusammentun, wird es nichts. Hier offenbart sich ein Aspekt der Bedeutung von „führen“, wenigstens in der Literatur: etwas zeigen und öffnen, einen Raum bauen, der uns zusammen umfängt, uns aufnimmt und dort in Bewegung setzt, wo jeder gemeinhin nur mit sich selbst spricht, parallel zum Traum, parallel zur Wahrnehmung der Wirklichkeit, doch anders: intensiver, fremder, intim und gerade im Erfundenen nah.

So danke ich den Stiftern dieses Preises, der Jury und der Stadt Solothurn für Raumbau, Resonanz und eine Gastlichkeit, die sich als Offenheit und Vertrauen äußert. Eine Einladung ins Schreiben. So danke ich ihnen allen, ihnen als Lesern.
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