Peter Bichsel

Meine Damen, meine Herren,
liebe Freunde, Freundinnen,


ich danke, ich danke herzlich - erst mal den Sponsoren und Gönnern dieses Preises. Ich freue mich besonders darüber, dass auch meine Wohngemeinde Bellach mit dabei ist und ich freue mich sehr über diesen Preis - nicht aus egoistischen Gründen, ich habe ihn weder erwartet, noch erhofft, aber ich freute mich über all jene Kolleginnen und Kollegen, die ihn bekommen haben, und freue mich für all jene, die ihn noch bekommen werden, und wenn ich selbst diesen Preis erst nach einigem Zögern angenommen habe, dann hat das damit zu tun, dass dieser Preis vor allem durch die Arbeit der Jury ein internationales Renommee hat und ich nicht möchte, dass er durch meine Person provinzialisiert wird. Ich danke der Jury - Christine Tresch, Hansueli Probst und Beat Mazenauer - ich bin mit den dreien sehr gut und sehr gern befreundet, und etwelche Verdächtigungen und Mutmassungen sind durchaus berechtigt - zudem lebe ich in dieser Stadt und dieser Gegend - nicht immer gern, aber relativ selten ungern. Und ich beneide meine Kollegen und Kolleginnen, die diesen Preis schon bekommen haben, darum, dass sie ihn in einer fremden Stadt abholen durften.

Das durfte ich auch schon und das kenne ich. Ich fand die Stadt wunderschön, die Leute ausgesprochen freundlich. Ich verstand mich auch mit dem Oberbürgermeister recht gut, wenn mir auch ein örtlicher Sozialdemokrat immer wieder zuflüsterte, dass dieser ein schrecklicher und machtgieriger Ignorant sei. Diesen Eindruck machte er mir überhaupt nicht. Die Bürgermeister fremder Städte stören mich nicht.

Ja, fremde Städte sind angenehm, weil sie nichts anderes zu sein haben als schön. Und wenn Einheimische ihre eigene Stadt in den höchsten Tönen loben, dann erscheinen sie mir eigentlich wie Touristen, wie wenn sie von anderswo kämen.

Ich wohne hier, ich bin es gewohnt, es ist für mich das Gewöhnliche, und wohnen kann man nur im Gewöhnlichen.

Aber eben, fremde Städte sind angenehm.

Und ich hatte das grosse Glück, in fremden Städten aufzuwachsen.

Erst mal in Luzern als kleines Kind, dem alles so wunderbar fremd, so wunderbar erstmalig war. Und mein Kindheitstraum Luzern ist mir auch nicht später durch bösartige Lehrer, hinterhältige Politiker, durch Nachbarn, Wetterlage, Brotpreise und Steuerfüsse verdorben worden. Luzern blieb eine fremde Stadt - meine fremde Stadt.

Als Sechsjähriger kam ich mit meinen Eltern nach Olten. Und wenn mich jemand fragte: „Woher kommst Du", sagte ich: „Wir kommen aus Luzern, wohnen aber in Olten." Meine Eltern taten sich in den ersten zehn Jahren schwer damit, sich mit Olten anzufreunden. Und nicht nur sie. Olten war eine Eisenbahnerstadt. Da gab es Lokomotivführer und Zugführer, die lange Zeit im schönen Tessin stationiert waren und nach Olten versetzt wurden. Sie hatten immerhin das Glück, billig Eisenbahn fahren zu dürfen.

Ich habe mich mit meinen Eltern in Olten sozusagen in die Heimatlosigkeit eingeübt. Patriotismus ist mir fremd. Und Nationalismus ist dasselbe. Er ist nichts anderes als der Patriotismus der Anderen, der Fremden.

Nach zehn Jahren begannen sich meine Eltern mehr und mehr zu integrieren, aber das erlebte ich sozusagen aus der Ferne. Ich trat mit sechzehn ins Lehrerseminar in Solothurn ein, lebte im Kosthaus eine wunderbare Zeit in einer wiederum wunderbar fremden Stadt. Ich sah Solothurn zum ersten Mal anlässlich der Aufnahmeprüfung ins Seminar, und hätte ich die Stadt nach vier Jahren verlassen, sie hätte so etwas werden können wie mein zweites Luzern - oder sogar die schönste Barockstadt der Schweiz, Spittelers goldene Märchenstadt.

Sie ist es nicht geworden.

Ich wohne hier, hier im Gewöhnlichen.

Ein Mann hatte sich ein Haus gebaut, ein wunderbares Haus, entworfen vom besten Architekten, exakt in den Massen von Corbusiers Modulor. Nun sass er in diesem Haus, das genau so war, wie er sich sein Haus vorstellte. Und er stand morgens auf und lobte sein Haus, und er führte das Haus lobend seinen Gästen vor, und er bestaunte dabei sein Haus selbst. Seine Freunde beneideten ihn darum, und er liess sich beneiden. Und als er endlich feststellte, dass er zwar jahrelang in dem Haus war, gelebt hatte in dem Haus, dass er aber nie wohnte darin, wohnen im Gewöhnlichen, da war es zu spät.

Und deshalb bin ich nicht bereit, Solothurn zu loben. Und dass es die schönste Barockstadt sein soll? Ach ja.

Gestatten Sie mir, nicht darauf hereinzufallen.

Gestatten sie mir, dass ich in der Fremde nicht die Stadt vermisse, sondern die Leute, die darin wohnen und von denen inzwischen viele leider gewohnt haben. Gestatten sie mir, dass ich in der Fremde nicht die Dächer der Stadt vermisse, nicht ihre Fassaden, sondern die sanfte Silhouette des Juras in der Dämmerung des Morgens und des Abends. Nein, nicht eigentlich den Jura, sondern nur diese Silhouette, die keine Erklärungen braucht, die keine glorreiche geschichte hat, und die mich ab und zu rührt - andere Städte haben auch Silhouetten, aber diese hier meine.

Und ich bin hier geblieben. Es gibt Gründe, dass ich hier geblieben bin. Johnson, die Lise, Bäri, Ueli Ammon, das Ruthli, das Heidi, die Angela, Cherubin Hammer, die Elli, der Otti, dieser unmögliche, Stefanie, Mirella. Ich rede nicht von Kultur, ich rede von Beizen, von der „Blume", dem „Tramwägeli", „Steinbock", „Reinertsgärtli", „Schlüssel", „Brotschi", „Buffet West" „Weissensteinbahn" „Gampfiross" - ich rede von Tempi passati, ich bin ein alter Mann. Und meine Erinnerung mag das alles verklären. Immerhin, die schönsten Barockbeizen der Schweiz waren sie glücklicherweise nicht. Sie waren gewöhnlich und bewohnt von Gewöhnlichen. Sie und ihre mitunter schäbigen Gäste waren die schönste ganz gewöhnliche Stadt der Welt.

Und die ärgerlichste auch, weil ich sie kenne. Denn ich habe meine Heimat dort, wo ich meinen Ärger habe. Dort, wo ich zu Hause bin, die Leute kenne, die Politik kenne, die Kleinbürgerlichkeit, das Kleinkarierte und das Grossgekotzte kenne. Keine Stadt zum Staunen, nur zum sein.

Und ich hatte auch schwere Zeiten in dieser Stadt. Ich war ja nicht der einzige hier, der ein Schriftsteller sein wollte und war nach meinen ersten Erfolgen dem Spott der anderen ausgesetzt. Und die anderen unterrichteten mitunter als Professoren an der Kantonsschule und waren durchaus auf dem Wege, ein Thomas Mann oder Salvador Madariaga zu werden - also auf anderen und höheren Wegen als ich. Und selbstverständlich gab es auch da, wie immer, Ausnahmen, und an die habe ich mich gehalten. Ich weiss, sie werden mich hinterher nach Namen fragen, aber ich werde sie vergessen haben. Gebrannte Kinder werden nämlich trotz ihrer Furcht immer wieder gebrannt - siehe den Artikel in der gestrigen Sonntagszeitung. Professionalismus heisst im Journalismus schon längst etwas ganz anderes als Qualität.

Aber zurück zu den Spöttern von damals. Wären sie es nicht gewesen, ich hätte mich von ihnen und vielen anderen auf- und einnehmen lassen. Ich bin ihnen dankbar für ihren Spott. Ich habe damals hier gelebt wie in einer Grossstadt, wo man eben nicht dazugehört. Und ich habe mein Solothurn hier, im Gewöhnlichen, gefunden, und ich habe mich wohl darin gefühlt.

Dafür danke ich Johnson, Bäri und Lise, der Elli, usw. und vielen, deren Namen ich nicht kenne oder vergessen habe und dem Otti, dem unmöglichen. - Und Euch allen.

Ich danke vor allem all jenen, und das sind viele in dieser Gegend, und viele, die mit Literatur und Lesen nichts anfangen können, die mich hier wie die anderen auch, leben liessen als nichts Besonderes, als Gewöhnlicher im Gewöhnlichen, als Wohnender im Gewohnten. Ich bin Ihnen dankbar dafür, dass sie mir diesen schäbigen Stempel der Prominenz ersparten.

Und ich danke den Anwesenden, ich freue mich, dass Sie gekommen sind. Sie haben mich damit gegen meinen Willen, und gegen die Intention dieses Preises, aber zu meiner Freude, zum Solothurner gemacht. Ich bin alt genug, es zu ertragen.

Dankeschön.
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