Christoph Hein

Rede zum Solothurner Literaturpreis 2000

Plädoyer für die Kirschblüten

Und ich danke den Sponsoren des Solothurner Literaturpreises für das Geld, das gut anzulegen ich Ihnen verspreche, als Alimentation meiner nächsten Arbeit. Ich danke Ihnen für das Geld, das mich in die Lage versetzt, einige Monate ungestört arbeiten zu können, ungestört von der Sorge um den Lebensunterhalt, ungestört von misslichen Unterbrechungen meiner eigentlichen Arbeit, die aber unumgänglich sind, um diese Arbeit zu finanzieren, die notwendig sind, notwendend.

Erlauben sie mir, über Geld zu sprechen, über Kunst und Künstler und das liebe Geld.

Ich komme aus Deutschland, einem sehr reichen Land, in dem in den vergangenen zehn Jahren jedes Jahr irgendwo Theater geschlossen, Orchester zusammengelegt oder aufgelöst wurden, unaufhörlich über die Schließung von Opernhäusern diskutiert wird. Einem Land, in dem sich der Staat sukzessive aus der Kunstförderung zurückzieht, in dem die Künstler aufgefordert sind, für die entstehenden Kosten ihrer Arbeit andere Geldgeber zu finden, private, Sponsoren. Man verweist sie auf das große Vorbild USA, wo tatsächlich die Kunst und die Künstler zu etwa 50 Prozent privat finanziert werden. Freilich gibt es große und kaum zu überbrückende Unterschiede zwischen den europäischen und den nordamerikanischen Staaten. Kostspielige Theater und Musikbühnen, die in den letzten Jahrhunderten in den europäischen Ländern entstanden, sind in den Vereinigten Staaten sehr viel seltener und nur in wenigen großen Universitäts städten vorhanden. Vor allem aber gibt es eine europäische Tradition, aus dem Feudalismus herrührend und von der Aufklärung wie der Französischen Revolution verfestigt, wonach der Staat eine Kulturpflicht habe. Diese Auffassung ist in Europa fest verwurzelt, was nun, da sich der Staat von dieser Kulturpflicht zurückzuziehen beginnt, zu einem Vakuum führt, denn die privaten Gelder, die statt seiner die Kunst finanzieren sollen, fließen spärlich.

Amerika und Europa trennt auch ein anderes Bürgerverständnis, eine andere Haltung der Citoyens. Die Bürger der Vereinigten Staaten prägt der Pioniergeist jener Eroberer, die diesen Kontinent betraten, um die Ureinwohner zu vertreiben oder zu vernichten. Die eine Hand führte den Pflug, die andere hielt das entsicherte Gewehr. Sie waren und sind es gewohnt, für sich selbst einzustehen, im Guten wie im Bösen, und sie misstrauen dem Staat, wollen von ihm nichts geschenkt, aber sich auch nicht von ihm bestimmen lassen. Diese Devise haben sie sogar auf ihre Geldscheine setzen lassen: »In God we trust« lässt sich nur mit »Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott« übersetzen.

In den Vereinigten Staaten nimmt der selfmademan den zentralen Platz in der Gesellschaft ein. In dem großen amerikanischen Magazin Harper's las ich kürzlich in einer Rezension, habe eine Leserbriefschreiberin aus Tennessee mitgeteilt: »Meine Smith & Wesson schützt mich besser als die Verfassung.« Das ist eine uns - noch - fremde Haltung, doch andererseits wird diese Dame, wenn sie in eine Oper gehen will, nicht den Staat fragen, wann er in ihrer Stadt ein Opernhaus bauen und unterhalten will, sie wird es selbst bezahlen.

Das alles ist in Europa anders. Die Verfassung und die Verfassungsdiskussion haben in den europäischen Staaten einen ungleich größeren Stellenwert, bilden die eigentliche Grundlage der Gesellschaft, und die nationalen Gedenk- und Feiertage sind häufig an den Tag der Verabschiedung der Staatsverfassung geknüpft. Smith & Wesson sind bei uns noch nicht zugelassene Gesetzesgeber, staatlich nicht zugelassen, aber auch von dem gewöhnlichen Bürger noch nicht als die letzte Instanz akzeptiert. Noch setzt dieser Bürger auf den Staat, noch erwartet er Schutz und Gewährleistung des öffentlichen Lebens von ihm, freilich auch den Unterhalt der kulturellen Institutionen, die Förderung von Kunst. Sponsorengelder in Deutschland sind daher marginal, sie erreichen im Gesamtetat noch nicht einmal drei Prozent und flossen, seitdem der Staat sich aus der Kunstförderung zurückzieht, nicht reichlicher.

Der Staat, so sagt er es selbst, muss sparen. Einsparen aber kann er nur jene Gelder, die auszuzahlen er gesetzlich nicht gezwungen ist. Das setzt dem Staat einen eingeengten Handlungsraum: bei den Ausgaben für Kunst und Kultur ist er lediglich moralisch gefordert, aber nicht gesetzlich, und die Moral ist ein weites Feld, wie wir alle wissen, und lässt sich nahezu beliebig auf das Tagesinteresse zurechtbiegen. Der Staat darf mit diesem Etat umgehen, wie es ihm beliebt. Möglicherweise ist das der eigentliche Grund, weshalb Minister auf Bundes- und Landesebene bei jeder sich bietenden Gelegenheit betonen, dass sie Kunst und Kultur über alles schätzen. Auch der Henker schätzt vermutlich den verurteilten Straftäter: seine weitere Existenz hängt davon ab, dass er einen zum Hängen hat.

Im Mai dieses Jahres wurde in der Stadt Heinrich von Kleists, in Frankfurt/Oder das Kleist-Theater geschlossen, das einzige Theater der Stadt und in der ganzen Region. Wenn Sie nach Frankfurt an der Oder fahren, können Sie das Kleist-Museum besuchen, noch ist es geöffnet, Sie können vielleicht einen Vortrag über Kleist hören, an den Kleist-Festspielen oder einem Symposion zu den Werken des Dichters teilnehmen, die Stücke des Dichters, mit dem sich die Stadt schmückt, können Sie dort nicht mehr sehen. Den Namen »»Heinrich-von-Kleist-Stadt Frankfurt/Oder« gab sich die Stadtverwaltung im vergangenen Sommer, wenige Monate bevor entschieden wurde, das Theater endgültig zu schließen. Theater und Kleist, sie rechnen sich nicht mehr, wie es in der Sprache der Kulturbürokratie heißt. Das Theater wurde 1842 eröffnet. Auch damals gab es erhebliche finanzielle Schwierigkeiten: sie wurden überbrückt und schließlich gelöst, indem der damalige Oberbürgermeister und der Stadtbaurat ihre Gehälter als Kaution zur Verfügung stellten. Ich vermute, diese Historie löst bei heutigen kommunalen und Landesbeamten eher ein Gelächter als ein Nachdenken aus. Nun steht auch in dieser Stadt ein leeres Theater, erhöht die ohnehin hohe Arbeitslosenzahl und belastet durch seinen Leerstand die Finanzen der Stadt und des Landes, hoffentlich auch das Gewissen der Stadt- und Landesherren. Noch weiß man nicht, was man mit diesem Gebäude anstellen soll, denn nicht jedes dieser schönen Gebäude ist als McDonald-Laden geeignet und der Firma Mercedes reicht ein leeres Opernhaus aus, um auf der Drehbühne das neue Modell vorzustellen, angestrahlt von hundert Scheinwerfern, die einst eine Welt erleuchteten.

Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik erzählte mir ein für die Kultur der neuen Bundesländer verantwortlicher Beamter, er habe feststellen müssen, das im Süden Ostdeutschlands, in den Ländern Sachsen und Thüringen, alle vierzig Kilometer ein größeres oder kleineres Orchester unterhalten werde. Er konnte über diese fiskalische Barbarei nur den Kopf schütteln und sagte mir, das müsse sehr rasch auf ein verträgliches Niveau gebracht werden. Er bemerkte mein Entsetzen und versuchte mich mit den Worten zu beruhigen, ich möge unbesorgt sein, alles würde sozial verträglich abgefedert werden.

Nein, Kunst rechnet sich tatsächlich nicht. Die Kosten sind hoch, für eine Sinfonie, für eine Oper gar, aufgeführt von einem großen Klangkörper, von Musikern und Sängern, hochtalentiert und lange ausgebildet, sind sie sehr hoch, und einen abrechenbaren, beweisbaren Nutzen haben wir nicht davon. Kunst erfreut lediglich unser Herz und bringt uns gelegentlich zum Nachdenken über uns selbst, kann uns auch schrecken und erschrecken. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Spezies Mensch, dass ihr ein Dach über dem Kopf und das tägliche Brot nicht ausreichen, auch die bloße Befriedigung der Triebe befriedigt sie nicht. Wir wollen, wir brauchen etwas mehr, ein Extra, damit unser Leben lebenswert ist. Wir brauchen den Wechsel der Jahreszeiten, die Liebe, die Musik, ein Gedicht. Man kann selbstverständlich darauf verzichten, doch wer von uns will sich selbst des Schönsten vom Leben berauben? Die Liebe und die Kunst und das Frühjahr haben keinen ausweisbaren buchhalterischen Nutzen. Natürlich, ich kann auch stattdessen rechnen, aber dann entscheide ich mich nicht aus Liebe für eine Frau, sondern aus Berechnung, und in meinem kurzen Leben bringe ich mich selbst um alles. Ich spreche hier nicht für die Künstler, obwohl ich um viele schreckliche Schicksale von Kollegen weiß, und die Altersarmut der einst gefeierten Künstler ist für mich besonders bedrückend. Nein, ich plädiere in unserer, in Ihrer Sache, in der Sache der Bürger, der Citoyens. Machen wir uns nicht selbst arm, bringen wir uns nicht um das, was der eigentliche Reichtum unserer Welt ist, die Schönheit, die Liebe, die Kirschblüte, die Kunst.

Noch wissen wir um die Verluste, die uns der Rotstift beschert. In unseren Städten haben wir es tagtäglich vor Augen, denn da steht eine gut kalkulierte Glas-Beton-Architektur in einem verträglichen Kosten-Nutzen-Verhältnis neben den überlieferten Bauten früherer Jahrhunderte von einer solch großen Schönheit, dass selbst der Stadtkämmerer ins Grübeln kommen könnte, wenn er noch dazu fähig wäre. Schon gibt es Regionen in Mitteleuropa, deren Bewohner keine Opern erleben können. Und bald wird es eine Generation geben, die nichts mehr von dem Verlust weiß, die nichts von dem Reichtum ahnt, den wir einmal besaßen und aus Berechnung aufgaben.

Ein Bekannter von mir, ein eifriger Zeitungsleser, hat zwei Landkarten von Deutschland erstellt. Die eine Karte verzeichnet die Städte und Regionen, in denen der Rotstift Kultureinrichtungen zerstörte oder überhaupt nicht entstehen ließ, die andere Karte verzeichnet die gemeldeten Gewalttaten und fremdenfeindlichen Übergriffe in ihrem Verhältnis zur Population. Die beiden Karten weisen eine merkwürdige Kongruenz auf, eine Übereinstimmung, die zu denken gibt, auch wenn ein einander begründender Zusammenhang nicht zu belegen ist. Es kann durchaus sein, dass die so munter betriebenen Einsparungen uns doch teurer zu stehen kommen, als der Stadtkämmerer vermutet.

Ich bin kein ganz junger Mann mehr, das bringt Nachteile mit sich, hat aber durchaus auch Vorzüge. Vor dreißig, vierzig Jahren lag scheinbar eine Unendlichkeit an Leben vor mir. Frühjahr und Vogelgesang, Baumblüte und stürmisch bewegte See, ich wusste, ich würde sie noch oft, sehr oft erleben können und achtete ihrer nicht. Jetzt habe ich die Mitte des Lebens längst überschritten und ich weiß nicht, wie oft ich noch die Kirschbäume blühen sehen werde und die Amsel hören. Und ich weiß, ich werde nicht mehr alle Bücher lesen können, die ich lesen möchte, ich werde meine vier Lieblingsmuseen auf dieser Welt nicht mehr allzu häufig aufsuchen können. Ich werde wichtige Theaterstücke möglicherweise nie wieder auf einer Bühne zu sehen bekommen, weil sie in der mir verbliebenen Lebenszeit nicht mehr inszeniert werden. Ich habe nur noch einen kleinen Rest meines Lebens vor mir, möglicherweise einen sehr kleinen. Das macht nun jedes Frühjahr für mich kostbar. Selbst mit den Staren, die Jahr für Jahr meine Kirschbäume wenige Tage vor der Reife so gründlich leeren, dass ich ihnen - ornithologisch unkorrekt - den Titel Raubvögel verliehen habe, auch mit ihnen habe ich Frieden geschlossen, denn ich kann mir - im Unterschied zu ihnen - die Kirschen, die ich essen will, kaufen, und ich genieße nun die Frechheit der Stare. Ich brauche sie und warte bereits auf das nächste Frühjahr. Ohne sie und ohne Shakespeare und Mozart möchte ich nicht leben, und nicht ohne das Bild meines Lebens, das mir nur der zeitgenössische Maler und Musiker zu geben vermag.

Bringen wir uns nicht selbst um die Schönheit dieser Welt, nur weil wir Staatenlenker haben, die zwar zwei und zwei zusammenrechnen können, aber nichts von dem Extra wissen, das wir darüber hinaus dringend benötigen. Bringen wir nicht unsere Kinder um eine Schönheit, die die vergangenen Jahrhunderte und unsere Zeit geschaffen haben. Auch unser Enkel soll die Chance haben, ein Gedicht zu lesen, wenn er es braucht.

Japan ist das Land der Kirschblüten. Jedes Jahr reisen Tausende von Japanern dem Weg der Kirschblüte nach, in einer Woche längs durch das ganze Land, dem Blühen folgend. Es sind besonders schöne Blüten, die für wenige Tage das ganze Land verzaubern, sie blühen an Bäumen, die keine Früchte bringen, die ihre ganze Kraft in die Blüte stecken und dann nicht eine einzige Kirsche hervorbringen, also keinen Nutzen haben und nur wenige Tage die Japaner und Touristen bezaubern. Seien wir nicht Barbaren gegen uns selbst und achten wir diese nutzlose Blüte. Ohne sie ist das schwierige Leben für uns kaum zu bestehen.

(abgedruckt in: Freitag, Nr. 29 /2000)
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