Dankesrede von Barbara Honigmann

Sehr verehrte Damen und Herren,

einmal kam ich, in irgendeiner Stadt, wie schon oft, an einem späten Nachmittag im Hotel an. Es hiess «Zur Krone» oder «Zum Kurfürsten» oder es war irgendein «Hof». Ich sollte eine Nacht bleiben, so wie wahrscheinlich viele andere Gäste, die man dann am nächsten Morgen beim Frühstück sieht, aber mit denen man nicht spricht.
Ich fing an, mich wie alle Reisenden in dem Hotel für eine kurze Dauer einzurichten, verteilte Zahnbürste, Cremes und Tuben im Badezimmer, und danach stellte ich im Zimmer die Unordnung her, die ich brauche, um mich nicht allzu verloren an dem fremden Ort zu fühlen. Ich tat wie jeder Gast vor mir und jeder nach mir, der versucht, dem genormten Zimmer für einen kurzen Moment seine Persönlichkeit aufzuzwingen, sei es durch Ordnung, sei es durch Unordnung. Aber natürlich verrät der Raum, den man betritt nie etwas von der Persönlichkeit und der Eigenart dessen, der da vor einem gewohnt hat, und man möchte davon auch gar nichts wissen, man denkt ja überhaupt nicht daran, dass da schon vorher einer gesessen, geschlafen, geduscht, sich gelangweilt oder sich aufgeregt hat.
Natürlich war das Zimmer in der «Krone», im «Kurfürsten» oder in dem «was-auch-immer für einem Hof» sauber und aufgeräumt, geradezu «nickel» wie die Franzosen sagen. Bis mein Blick in die Tiefe des Papierkorbs sozusagen fiel. Da lagen Papierschnipsel. Die Reinemachefrau musste sie übersehen oder vergessen haben, den Papierkorb auszuleeren. Die Schnipsel waren beschrieben. Es waren keine ganz kleinen Schnipsel, sondern nur drei-, viermal durchgerissene Seiten, mit schwarzer Kugelschreiberschrift beschrieben. Ich holte die Fetzen aus dem Papierkorb, ich setzte die Seiten zusammen, das war nach der Form der Ränder kein besonders schwieriges Puzzle. Ich setzte einen Brief zusammen. Ich las ihn. Natürlich las ich ihn. Es war ein Brief der Entscheidung. Von der Art, wie wir ihn alle schon erhalten und alle schon geschrieben oder wenigstens im Kopf entworfen und formuliert haben. Wie mein Vater immer sagte, wenn man alle meine Briefe, inklusive der Leserbriefe an die verschiedenen Zeitungen, die ich schon in der Badewanne geschrieben habe, veröffentlichen würde, hätte ich ein sehr umfangreiches Werk vorzuweisen.

Ich sass da also und las den Brief der Entscheidung eines mir ganz unbekannten Menschen. Ich hatte ein Zeugnis vor mir liegen, ein Dokument, einfach zu lesen und zu verstehen, aber ich konnte es doch nicht deuten. Was war das Schicksal dieses Briefes? Hat ihn der, der ihn erhielt, vor Wut oder Enttäuschung, zerrissen und in den Papierkorb geworfen, oder der, der ihn schrieb? Hat der, der ihn schrieb, den Brief vielleicht zerrissen, weil er, die Worte einmal ausgesprochen, seine Meinung geändert und die Entscheidung verworfen hat und der Brief somit hinfällig geworden war? Oder war es nur ein Entwurf, ein Einüben in die Worte der schweren Entscheidung, eine Generalprobe, eine vorläufige Fassung. War dann die endgültige Fassung strenger oder milder ausgefallen? Wurde dieser Brief denn je abgeschickt? Oder hat der Schreiber, einmal in den Worten abreagiert, den Brief zerrissen, die Entscheidung, vorläufig oder für immer ad acta gelegt und ist dann in die Stadt ein Bier oder ein Glas Wein trinken gegangen?
Da ich heute, hier in Solothurn, einen Literaturpreis entgegenzunehmen die Ehre habe, wird mich niemand fragen, ob die Geschichte wahr oder erfunden ist, ob ich sie vielleicht tatsächlich selbst so erlebt habe oder ob sie mir von einer Freundin erzählt oder von einem Fremden zugetragen worden ist. Ich muss auch nicht erklären, ob das nur eine Anekdote oder schon ein Gleichnis ist.

Aber Sie haben natürlich verstanden dass es mit den Geschichten, denen aus dem Leben und denen der Literatur immer genauso geht wie mit den Erinnerungen, aus denen sie oft gemacht sind, sie erscheinen dort, wo man sie nicht vermutet, in Momenten, in denen man sie nicht erwartet. Sie sind unzuverlässig, ihre Wahrheit fragwürdig und brüchig, ihre Bedeutung äusserst unsicher. Dort wo man sie sucht, haben sie sich längst verflüchtigt, wenn man sie anruft, bleiben sie stumm, aber dann drängen sie sich plötzlich auf, wenn man scheinbar ganz anderen Dingen zugewendet ist. Genau wie die Schnipsel des zerrissenen Briefes auf dem Grunde des Papierkorbs sind alle diese Geschichten evident und behalten doch ihr Geheimnis für sich. Deshalb wollen wir sie ja immer wieder lesen.
Ich danke und gratuliere den Spendern und Stiftern des Solothurner Literaturpreises für Ihr Engagement für die Kunst und die Künstler. Ich danke der Jury für die Anerkennung und besonders Hans Ulrich Probst für sein anhaltendes Interesse an meiner Arbeit.

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